Tag : Leo Neugebauer

World Athletics Championships; Tokyo, 14.09.2025

Zwei Vorbilder

Köln, 14. Januar

Liebe Leserinnen und Leser,
das Jahr 2026 beginnt mit einem letzten Blick auf das vorangegangene Jahr 2025. Traditionell präsentieren wir Ihnen Anfang Januar die Ergebnisse unserer gemeinsam mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband sowie dem Förderverein „Freunde der Leichtathletik“ ausgetragenen Wahl der „Leichtathleten des Jahres“. Erneut war das Interesse an der Abstimmung groß, ehe eine Expertenjury aus den Top Drei in sechs Kategorien schließlich die Siegerinnen und Sieger kürte. Und Tradition ist im Falle der Aktiven in gewisser Weise das Stichwort. Denn die Gewinner sind keinesfalls Unbekannte. Weitspringerin Malaika Mihambo und Zehnkämpfer Leo Neugebauer heimsen den Titel zum fünften beziehungsweise dritten Mal ein. Neben berechtigten Glückwünschen lässt sich vor allem eines festhalten: Die abermalige Auszeichnung beider Ausnahmekönner ist höchst verdient!Mihambo bewies 2025 einmal mehr, auf welch konstant hohem Niveau sie seit langer Zeit unterwegs ist – Sieben-Meter-Sprünge und WM-Silber quittieren das in der zurückliegenden Saison. Neugebauer bastelt mit seinem WM-Triumph ebenfalls weiter an seinem sportlichen Vermächtnis – und setzte seinen vor knapp drei Jahren begonnenen Höhenflug eindrucksvoll fort.
Doch beide Protagonisten zeichnet mehr aus als ihre sportliche Dominanz. Für Mihambo ist bereits seit längerem der soziale Aspekt des Sports von Bedeutung, nicht nur zuletzt die Arbeit in ihrem Verein „Malaikas Herzsprung“ liegt ihr besonders am Herzen. Sie wolle ihre Rolle als Sportlerin nutzen, um sich für Kinder und die Leichtathletik einzusetzen. Das betont sie einmal mehr im anlässlich der Auszeichnung mit ihr geführten Interview. Der König der Athleten reiste wiederum nur kurz nach seinem Erfolg in Tokio nach Kamerun, um dort als UNICEF-Botschafter Hilfsprojekte zu besuchen. Doch Mihambo und Neugebauer sind für die nationale Leichtathletik darüber hinaus wertvoll: als Vorbilder mit Strahlkraft. Auch über die Landesgrenzen hinaus. Athleten wie sie sind es, die der Sportart guttun!

Alexander Dierke

Leichtathletik Weltmeisterschaften 2025 in Tokyo

Herz, Haltung, Höhenflug

Köln, 21. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Interviews, die bleiben im Kopf, weil sie mehr sind als ein Rückblick. Das Gespräch mit Frank Busemann war so eines. Ein Mann, der in Atlanta 1996 Silber gewann, aber über Gold heute kaum spricht – weil er längst andere Dinge wichtiger findet. Haltung etwa. Leidenschaft. Und die Fähigkeit, über Jahrzehnte für eine Sportart zu brennen, die ständig im Wandel ist. Wenn Busemann über Leo Neugebauer redet, klingt das wie ein Staffelstab zwischen Generationen: der ehemalige Zehnkämpfer, der in jedem Satz mitschwingen lässt, wie viel Herzblut in dieser Disziplin steckt – und der junge Weltmeister, der die Geschichte weiterschreibt. Beide zeigen, dass Erfolg im Mehrkampf nie Zufall ist, sondern eine Haltung: dranbleiben, egal wie viele Disziplinen gerade nicht perfekt laufen.
Diese Haltung findet sich auch bei zwei Athletinnen, die geografisch auf der anderen Seite des Globus, aber geistig ganz nah an diesem Spirit trainieren: Amanda und Hana Moll. Zwei Schwestern aus einem Ort, der symbolischer kaum heißen könnte – Olympia, Washington. Die Zwillinge könnten den Stabhochsprung in Zukunft mit einer Konsequenz prägen, die man selten sieht. Rekorde, Titel, gemeinsame WM-Finals – und doch geht es ihnen nie um den schnellen Effekt. „Wir sind prozessorientiert, nicht ergebnisorientiert“, sagt Amanda. Diese Generation denkt anders: weniger Pathos, mehr Plan. Und genau darin liegt vielleicht die Zukunft einer Sportart, die vom Feilen lebt – nicht vom Funkeln allein.
Und während die Molls die Disziplin neu definieren, zeigen andere, wie global Leichtathletik inzwischen geworden ist. Julien Alfred, die erste WM-Medaillengewinnerin für St. Lucia, und Alex Rose, der Samoa mit Bronze Geschichte schreiben ließ, sind Gesichter einer Entwicklung, die zeigt: Talent hat längst keinen Pass mehr. 53 Nationen holten in Tokio Medaillen – so viele wie nie zuvor. Vielleicht ist genau das die schönste Entwicklung: dass Leichtathletik heute mehr Stimmen hat, mehr Geschichten, mehr Farben. Frank Busemann würde das vermutlich gefallen. Denn in seiner Welt zählt nicht nur, wer am höchsten springt oder am weitesten wirft – sondern, wer sich dem Sport mit Herz, Haltung und einer guten Portion Menschlichkeit verschreibt.

Robin Josten

JPN, Leichtathletik, Athletics, World Athletics Championships Tokyo 25, Leichtathletik Weltmeisterschaften, 20.09.2025,

Richtige Richtung

Köln, 7. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser, „der Weg zurück in die Weltspitze ist noch lang und anspruchsvoll.“ Es sind beinahe ungewohnt ehrliche Worte, die man zwischen Lobeshymnen für Leo Neugebauer und Co. zum Abschluss der Weltmeisterschaften in Tokio beim Vorstand Leistungssport des Deutschen Leichtathletik-Verbands vernehmen kann. Dr. Jörg Bügner arbeitet heraus, dass es trotz fünf gewonnener Medaillen reichlich Arbeit für die Zukunft gibt. Längst nicht in allen Disziplinen stimmte die Richtung bei dieser zurückliegenden WM – und doch titelte auch die ­ Leichtathletik anschließend: „Der nächste Schritt“. Denn ein eben solcher waren die globalen Meisterschaften. Vor allem im Mehrkampf waren die deutschen Leistungen gut, nicht zuletzt bedingt durch Neugebauers WM-Titel. Youngster Sandrina Sprengel glänzte ebenfalls, Hammerwurf-Silbermedaillengewinner Merlin Hummel setzte gar noch ein größeres Zeichen für die deutsche Leichtathletik-Zukunft. „Die deutsche Leichtathletik lebt, sie ist nicht tot, wie es nach Budapest behauptet wurde“, befand Sprinterin Gina Lückenkemper. Auch sie hat Recht mit dieser Aussage. Doch es sind eben auch so manche negative Aspekte auszumachen. Über die flachen Laufdistanzen waren die Auftritte trotz guter deutscher Vorleistungen insgesamt enttäuschend. Und die Geschichte vom Leistungspeak im richtigen Moment ist eine, die nicht nur Lückenkemper betrifft: Nur acht persönliche Bestleistungen wurden in Tokio durch DLV-Athletinnen und Athleten aufgestellt. Positiv zu deuten ist wiederum ein vierter Rang in der Nationenwertung. Und jetzt? Eine Frage mit Blick auf die Zukunft, der wir genauer nachgehen.

Alexander Dierke

Day 9 - World Athletics Championships Tokyo 2025

Deutsche Realität in Tokio

Köln, 23. September

Liebe Leserinnen und Leser,
der abschließende Tag der Weltmeisterschaften in Tokio hatte noch mal reichlich zu bieten. Es regnete teils ergiebig, doch gleichermaßen hagelte es auch noch so manche richtig starke Leistungen. Insbesondere aus deutscher Sicht war das Finale der globalen Titelkämpfe durchaus erfolgreich. Das hat der Deutsche Leichtathletik-Verband vor allem einem Athleten zu verdanken: Leo Neugebauer. Der Zehnkämpfer ließ im wahrsten Sinne des Wortes sein Herz auf der Bahn und krönte seinen persönlichen Erfolgsweg mit der Goldmedaille. Für ihn wie auch die nationale Leichtathletik der nächste Schritt. Man hat wieder einen Weltmeister in seinen Reihen. Es ist das, was vor zwei Jahren in Budapest nicht gelungen war. Und auch die 4×100-Meter-Staffel der Frauen lief noch zu Edelmetall. Bronze. Der insgesamt fünfte Podiumsplatz des DLV-Teams im Land der aufgehenden Sonne. Denn auch Weitspringerin Malaika Mihambo sowie auf sensationelle Art und Weise Marathonläufer Amanal Petros und Hammerwerfer Merlin Hummel haben sich einen Platz unter den Top Drei ihrer Disziplin gesichert. Es ist auf dem Papier ein Aufschwung: Platz zwölf im Medaillenspiegel, gar Platz vier in der Nationenwertung. Und auch weitere Athleten wie etwa Siebenkämpferin Sandrina Sprengel, Zehnkämpfer Niklas Kaul, Mittelstreckler Robert Farken und Hürdensprinter Emil Agyekum haben überzeugt. Doch nicht alles war gut. Vor allem in den Laufdisziplinen bot sich insgesamt eine Enttäuschung. Die stärksten des Jahres um Mohamed Abdilaahi und Frederik Ruppert konnten nicht überzeugen. Auch im Hochsprung der Frauen und insbesondere im Speerwurf der Männer lief es nicht wie erhofft. Wobei im Falle von Julian Weber ihm wohl auch ein eingefangener Infekt die sicher geglaubte Medaille kostete. Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye ist wiederum inzwischen weit entfernt von ihrer Form des Vorjahres. Ohnehin: Ja, diese Titelkämpfe in Japan waren eine Steigerung, lassen einen wieder etwas zuversichtlicher auf die deutsche Leichtathletik blicken. Doch weiß man beispielsweise die Marathon-Medaille von Petros einzuordnen und rechnet noch zwei weitere, grundsätzlich höchstens realistische Podiumsplätze ein, so hat sich in Tokio die deutsche Realität der Leichtathletik abgebildet. Vier bis sechs Podiumsplätze ist das, was für die aktuelle Leichtathletik-Generation bei globalen Wettkämpfen maximal möglich ist. Die Trendumkehr ist gelungen, die Rückkehr unter die Top Fünf der Welt bis 2028 jedoch mehr als ambitioniert!

Alexander Dierke

World Athletics Indoor Championships Nanjing, 22.03.2025

Neuer Hoffnungsträger

Köln, 25. März

Liebe Leserinnen und Leser,
erinnern Sie sich noch an den Morgen des 9. Junis 2023? Die Nachrichtenwelt war gefüllt mit der Berichterstattung über den deutschen Rekord eines jungen Zehnkämpfers – weit über die Grenzen des Leichtathletik-Kosmos hinaus! Leo Neugebauer hieß der gute Mann, um den sich alles drehte. Seine von ihm inzwischen längst übertroffenen 8.836 Punkte sorgten für großes Staunen: Schließlich knackte der damals 22-Jährige damit den 39 Jahre alten deutschen Zehnkampfrekord von Jürgen Hingsen. Im folgenden Sommer kämpfte Neugebauer bei der WM um die Medaillen mit, im Vorjahr pulverisierte er auch den deutschen Siebenkampf-Rekord in der Halle, packte auf seine nationale Outdoor-Bestmarke noch einmal 125 Zähler drauf und gewann schließlich olympisches Silber. Doch einen Teil dieser Lorbeeren musste Neugebauer Anfang März wieder abgeben – weil in Apeldoorn plötzlich ein 22-Jähriger im DLV-Team emporstieg, der durchaus an „Leo the German“ erinnert: Till Steinforth. Starten tut der Athlet auf nationaler Ebene für den SV Halle, doch im Prinzip lässt sich seine Leistungsentwicklung ebenfalls mit der Ausbildung in den USA begründen. Steinforth studiert seit 2021 an einer Universität im US-Bundesstaat Nebraska – noch in diesem Jahr wird er dort seinen Bachelor im Fach Architektur machen. Doch vor allem haben ihm die dortigen Gegebenheiten nun sportlich zwei Bronzemedaillen bei internationalen Meisterschaften eingebracht: In Apeldoorn sorgten 6.388 Punkte für die angesprochene „Hallen-Wachablösung“ Neugebauers. Und bei den Hallen-Weltmeisterschaften im chinesischen Nanjing sorgte Steinforth nun für so etwas wie den einzigen echten Lichtblick eines äußerst dezimierten DLV-Teams. Überraschend? Für viele – den Deutschen Leichtathletik-Verband auch?! – möglicherweise, nicht jedoch für den Mehrkämpfer selbst. Er wusste schon länger, welches Potenzial in ihm schlummert und hat seine Saisonziele nun im Prinzip bereits übertroffen: Die Erzielung eines deutschen Rekords und den Gewinn internationalen Edelmetalls. Ist es „bloß“ die reine sportliche Ausbildung in den USA oder auch der Glaube an sich selbst, der so stark macht? In jedem Fall zeigt nach Leo Neugebauer nun der nächste deutsche US-Mehrkämpfer, dass er in Zukunft großes vor hat.

Alexander Dierke

Athletics - Olympic Games Paris 2024: Day 14

Verdiente Auszeichnung

Köln, 15. Januar

Liebe Leserinnen und Leser, Yemisi Ogunleye und Leo Neugebauer sind unsere „Leichtathleten des Jahres“ 2024. Zwei Olympia-Helden, die jedoch in der vergangenen Saison längst nicht nur in Paris geglänzt haben. Vielmehr widersprachen die Kugelstoßerin und der Zehnkämpfer einem Trend: nämlich jenem, dass die deutsche Leichtathletik aktuell nicht in der Weltklasse stattfände. Ogunleye und Neugebauer gehören sehr wohl zu den Besten des Globus – alles andere würde nach olympischem Gold und olympischem Silber auch für Fragezeichen sorgen. Die Entwicklungen der beiden Athleten sind hingegen durchaus unterschiedlich – und doch haben sie gemeinsam, dass beide (für den Außenstehenden so wirkend) von jetzt auf gleich so richtig durchstarteten.

Neugebauer gelang sein Durchbruch schon 2023, der US-Student stieg damals mit seinem deutschen Rekord quasi über Nacht zum Hero auf. Im vergangenen Jahr schraubte er diese Bestmarke erneut beeindruckend in die Höhe und kratzt längst an der 9.000-Punkte-Marke. Silber in Paris war wohl „bloß“ eine vorübergehende Krönung. Und Yemisi Ogunleye? Die hat 2024 eine Geschichte geschrieben, die wohl in keinem Drehbuch besser hätte stehen können. Mit dem Hallenauftakt in Nordhausen steigerte die 26-Jährige damals auf Anhieb ihre persönliche Bestleistung, es folgte Silber bei der Hallen-WM und der erste Stoß über 20 Meter. Ogunleye war angekommen in der Weltspitze. Im Sommer hatte sie dann – ganz im Stile einer Gospelsängerin – ihre großen Auftritte: Auf eine Bronzemedaille bei der EM folgte der Olympiasieg. Wieso die dort mit dem letzten Versuch gestoßenen exakt 20,00 Meter für die gläubige Athletin von so besonderer Bedeutung sind, verrät sie im Sieger-Interview in dieser Ausgabe. Was ansonsten bleibt: Es ist wieder einmal schön zu sehen, wie sehr sich die beiden Gewinner über die Auszeichnung freuen.

Alexander Dierke

NEUGEBAUER Leo Team GER 110m Huerden 10-Kampf 2.Tag LA Weltmeisterschaften 2023 in Budapest am 26.08.2022 in Budapest **

So lasset die Spiele beginnen

Köln, 30. Juli

Liebe Leserinnen und Leser,
drei Jahre des Wartens haben ein Ende. Drei Jahre seit den Spielen in Tokio, in denen Athleten gereift sind, Höhen und Tiefen erlebt haben. Drei Jahre, in denen Sportler gegangen und neue Sportler hinzugekommen sind. Und drei Jahre, in denen Träume gereift, aber auch Träume zerplatzt sind. Am 1. August heißt es für die Leichtathleten: Lasset die Spiele beginnen. Für jeden einzelnen der 79 Athletinnen und Athleten, die für das deutsche Team in Paris starten, geht mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen ein Traum in Erfüllung. Egal ob es das erste, zweite oder dritte Mal ist. Es steht und fällt zunächst einmal mit dem olympischen Motto: Dabei sein ist alles. Denn nichts ist in der Karriere höher zu werten als ein Olympia-Start. Oder etwa doch? Was ist größer als ein Olympiasieg?! Die besten Leichtathleten dieser Tage nehmen sich genau diesen Triumph vor – ob in der Rolle des Jägers oder gar als amtierender Olympiasieger. Es sind die Armand Duplantis’, Jakob Ingebrigtsens und Jaroslawa Mahutschichs, die in der französischen Hauptstadt wohl nicht zu schlagen sein werden. Doch es stehen auch elektrisierende Duelle um die Medaillen an: Etwa über die 400 Meter Hürden zwi- schen der Niederländerin Femke Bol und der US-Amerikanerin Sydney McLaughlin-Levrone. Oder über die 100 Meter zwischen Dreifach-Weltmeister Noah Lyles (USA) und dem Jamaikaner Kishane Tompson. Und natürlich im Weitsprung der Frauen zwischen der US-Amerikanerin Tara Davis- Woodhall und Deutschlands Ausnahmekönnerin Malaika Mihambo. Es ist die Europameisterin, der im DLV-Team wieder einmal die größten Medaillenchancen zugesprochen werden dürfen. Doch auch Speerwerfer Julian Weber und Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye besitzen das Potenzial dazu. Und natürlich Zehnkämpfer Leo Neugebauer. Es ist also Zeit für die ganz große Show!

 

Alexander Dierke

 

WM 2023 Budapest, World Athletics, Leichtathletik, athletics, Track and Field, World athletics Championships 2023 Budape

Im Scheinwerferlicht

Köln, 2. April

Liebe Leserinnen und Leser,
mit den Cross-Weltmeisterschaften in Belgrad und den Texas Relays in Austin ist die Freiluft-Saison langsam aber sicher angerollt. Während in Serbien die beiden Vorjahressieger, Jacob Kiplimo aus Uganda und die Kenianerin Beatrice Chebt, zum zweiten Mal in Serie triumphierten, überragte in den USA einmal mehr Leo Neugebauer. Das deutsche Zehnkampf-Ass ließ nur wenige Wochen nach seinem deutschen Hallen-Rekord, den zweitbesten Outdoor-Wettkampf seiner Karriere folgen: 8.708 Punkte. „Leo the German“ rockt die Leichtathletik-Welt – und ist einer der großen Favoriten für den Sommer. Der Sportler des VfB Stuttgart ist im weltweiten Vergleich bei weitem nicht der einzige Athlet, der eine solche Titulierung innehat, doch national gesehen ist er schon fast so etwas wie ein Unikat. Denn wohl keiner aus der DLV-Riege dürfte bei den Olympischen Spielen in Paris bessere Chancen besitzen als der 23-jährige Schwabe. Nicht einmal eine Malaika Mihambo.
Doch dieses Jahr verspricht, nun wo die Türen für den Sommer öffnen, noch wesentlich mehr Stars. Wesentlich mehr Spektakel und Hochkarätiges. Im internationalen Feld sind es Namen wie Armand Duplantis, Femke Bol, Yulimar Rojas und Noah Lyles, welche wie keinen Zweiten das Scheinwerferlicht auf sich ziehen. Sie alle können für sich persönlich in diesem Jahr historisches schaffen. Sei es mit einem möglichen ersten Olympiasieg oder gar – ja, unrealistisch – olympischen Vierfach-Triumph. Was in den kommenden Monaten drin ist, und wie die Weltbesten aktuell drauf sind, lesen Sie in unserem Top-Thema. Zudem wirft Leichtathletik auch den Blick auf junge Hoffnungsträger, die in diesem Jahr endgültig durchstarten könnten. Einer davon ist Molly Caudery. Die britische Stabhochspringerin kürte sich zuletzt zur Hallen-Weltmeisterin und ist nun auch für Rom und Paris eine der großen Favoritinnen auf Edelmetall.

 

Alexander Dierke

 

World Athletics Championships Budapest 23; Hungary, 25.08.2023 Leo Neugebauer (GER/Germany) during the Decathlon Long Ju

Verdiente Auszeichnung

Köln, 23. Januar

Liebe Leserinnen und Leser,
die neue Saison nimmt in der Halle endlich Fahrt auf. Mit dem Sparkassen Indoor Meeting in Dortmund und der Mehrkampf- DM in Frankfurt standen zwei erste kleine nationale Highlights auf dem Programm – samt heiß ersehnter Comebacks. Etwa von Weitsprung-Queen Malaika Mihambo, Sprinterin Alexandra Burghardt und Stabhochspringer Torben Blech. Sie alle sind wieder fit. Das ist eine gute Nachricht zu Beginn diesen Jahres.
Die erfreulichste Nachricht haben in den vergangenen Tagen aber Leo Neugebauer und Olivia Gürth erhalten: Die beiden Youngster, die im vergangenen Jahr zu DLV-Hoffnungsträgern avancierten, sind unsere „Leichtathleten des Jahres“ 2023! Zehnkämpfer Neugebauer hat nicht zuletzt durch seinen deutschen Rekord und seinen selbstbewussten Auftritt bei der WM überzeugt, Hindernisläuferin Gürth ließ Gold bei der U23-EM einen Finaleinzug in Budapest samt neuer PB und Olympia-Norm folgen. Folgerichtig und verdient ist in meinen Augen deshalb nun diese Auszeichnung. Schön zu sehen war es auch, dass wir beiden – der eine in den USA, die andere gerade im Trainingslager in Südafrika weilend – mit der Verkündung ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnten. Diese Würdigung ihrer Vorjahres-Leistungen werden beide als zusätzlichen Ansporn nehmen für die großen Ziele, die sie in dieser Saison erreichen wollen. Welche das sind, lesen Sie in unseren Interviews mit den beiden Gewinnern. Zudem blicken wir in dieser Ausgabe auch auf die Sieger der übrigen Kategorien.
Für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden war Lea Meyer. Die Hindernis-Läuferin plagten seit dem Sommer gesundheitliche Probleme. Eine Geschichte, die ihr auch mental zu schaffen machte. Inzwischen hat sie ihren Trainingsschwerpunkt in die USA verlagert – und ist, das kam im Gespräch mit ihr rüber, nun endlich wieder glücklich.

Alexander Dierke

 

Gina LUECKENKEMPER (SCC Berlin, GERMANY), 100m Women, 100m Frauen HUN, Leichtathletik, Athletics, World Athletics Champi

System hinterfragen

Köln, 5. September

Liebe Leserinnen und Leser,
ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber auch mit über einer Woche Abstand zu den Weltmeisterschaften sind diese für mich noch immer das beherrschende Thema. Schlicht zu groß war die Enttäuschung über das Abschneiden des DLV-Teams in Budapest, zu groß der Schmerz, der einen jeden, der es mit der deutschen Leichtathletik hält, überkommen hat. Gepaart mit der bitteren Erkenntnis, dass Deutschland im Vergleich mit der Weltelite tatsächlich nicht mehr konkurrenzfähig ist. Und diese Tatsache wird allen voran den DLV-Athleten besonders zusetzen, jenen Sportlern, die in Ungarn zum Teil über sich hinausgewachsen sind — im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Denn für die Ursachen dieses historischen Debakels sind in erster Linie andere verantwortlich. Das deutsche Leichtathletik-System scheint beschädigt, fehlerhaft. Offenbart Schwächen, die sich über die Jahre entwickelt haben. Droht der einstigen Medaillennation Deutschland gar der Absturz in die Bedeutungslosigkeit? Und an welchen Stellschrauben muss zwingend gedreht werden? Mit diesen Fragen haben wir uns in den Tagen seit der WM beschäftigt, mit den Meinungen und der Kritik der Experten. Gesprochen haben wir auch mit einem, der die Geschehnisse im Nemzeti Atlétikai Központ bestens einordnen kann: Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann war die gesamten neun Wettkampftage als TV- Experte vor Ort und hat erlebt, wie sich etwa die Förderung, welche Leo Neugebauer in den USA erhält, in Budapest positiv bemerkbar gemacht hat. Auch ohne Medaille. Die Gesellschaft muss ihr Verständnis von Leistung jedenfalls grundsätzlich hinterfragen, meint Busemann, und stößt eine Diskussion an, welche über die Leichtathletik hinaus zu führen ist.

Alexander Dierke

 

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