Tag : Mohamed Abdilaahi

Deutsche Leichtathletik-Hallenmeisterschaften; Dortmund, 22.02.2025

Schnelligkeit ist Key

Köln, 23. Juni

Liebe Leserinnen und Leser,
es fing einst über Umwege an: Die Faszination der Alexandra Burghardt galt als junges Mädchen dem Tennissport. Mit fünf Jahren steht sie selbst regelmäßig auf dem Court und beherrscht das Spiel mit dem Schläger „ganz gut“. Doch eine Trainerin sieht in ihr noch etwas anderes: Mit ihrer Schnelligkeit und Sprungkraft ist Burghardt eine für die Leichtathletik. 27 Jahre später kehrt Burghardt zurück auf den Tenniscourt. Okay, eigentlich hat sie hobbymäßig nie aufgehört mit dem Tennisspielen. Doch nun kann sie noch befreiter aufschlagen. Denn auf den Rat ihrer Tennislehrerin folgte eine Weltkarriere als Profisportlerin. In der Leichtathletik – und zwischenzeitlich auch im Wintersport als Bob-Anschieberin. Sie ist erst die weltweit achte Athletin, die im Laufe ihrer Karriere sowohl bei olympischen Sommer- als auch olympischen Winterspielen Edelmetall gewonnen hat. Im Kosmos der Leichtathletik ist Bronze mit der 4×100-Meter-Staffel, errungen 2024 in Paris, der größte Beleg ihrer Arbeit. Doch die 32-Jährige sieht das anders: Am wertvollsten ist für Burghardt das Erreichen des 100-Meter-Halbfinals bei den Olympischen Sommerspielen 2021. „Damit habe ich mir meinen Kindheitstraum erfüllt.“ Alexandra Burghardt hat im Verlaufe ihrer Laufbahn immer wieder gegen Rückschläge angekämpft – und so Sportgeschichte geschrieben. Vor allem aber ist sie immer die sympathische Athletin geblieben. Eine Frau, die nun mehr Zeit für ihre Familie und Freunde hat – der nationalen Leichtathletik jedoch fehlen wird.
Erfreulich ist da, dass es dieser Tage in der deutschen Laufszene außerordentlich gut läuft. Nicht nur Burghardts (Ex-)Sprintkollege Owen Ansah hat kürzlich mit einem neuerlichen Rekord für Aufsehen gesorgt, sondern vor allem die Langstreckler sind in bestechender Form. Unter den Weltbesten mischen Mohamed Abdilaahi, Frederik Ruppert und Co. vorne mit und dürfen sich berechtigte Medaillenhoffnungen für die Europameisterschaften in Birmingham machen. Dieser Meinung dürfte nicht nur die verantwortliche DLV-Bundestrainerin Isabelle Baumann sein. Ihre Einschätzung lautet: „Wir sind im Gesamten in einer neuen Dimension angekommen.“ Über die Gründe dafür haben wir mit ihr im Interview gesprochen.

Alexander Dierke

Day 1 - World Athletics Championships Tokyo 2025

Spitzen-Läufer

Köln, 10. Juni

Liebe Leserinnen und Leser,
Mohamed Abdilaahi, Frederik Ruppert, Owen Ansah. Nummer eins (3.000 Meter), Nummer zwei (3.000 Meter Hindernis), Nummer 18 (100 Meter) der Welt. In Europa führen alle drei deutschen Athleten sogar die Bestenliste des Jahres 2026 an. Drei DLV-Männer aus dem Laufbereich mischen unter den Besten mit – ein starkes Signal. Speziell, wenn man betrachtet, dass es in der Vorsaison bei der WM in Tokio von 40 Einzelstarterinnen und -startern lediglich vier Namen aus dem Lauf- und Sprintbereich in ein Finale schafften. Einer davon gewann eine Medaille: Marathonläufer Amanal Petros. Sein beinahe mit Gold belohnter Auftritt war einer Sensation gleichzusetzen, auf europäischer Ebene hingegen ist er in diesem Jahr ein echter Favorit. Und er erweitert das eingangs genannte Trio, das in den ersten Wochen dieses Sommers so sehr geglänzt hat. Wie auch Florian Bremm. In Turku bestreitet der 25-Jährige die 5.000 Meter zuletzt in 12:56,80 Minuten – und führt damit ebenfalls die Weltjahresbestenliste an. Ruppert und Abdilaahi folgen in selbiger Disziplin aktuell auf den Rängen vier und fünf. Das sind schon mal eine Handvoll Namen an Mittel- und Langstrecklern, die derzeit für Furore sorgen. Zudem ist mit Ansah ein Sprinter dabei. Mit Blick auf die EM sind Hoffnungen zu schüren: Gina Lückenkemper kann (zumindest) auf europäischer Ebene um die vorderen Plätze mitlaufen, mit der Staffel sowieso. Wie auch das Männer-Quartett über 100 Meter. Zusätzlich sind etwa Robert Farken oder die Hürdensprinter Emil Agyekum und Owe Fischer-Breiholz zu nennen. Auch etwa eine Smilla Kolbe über 800 Meter kann einem Freude bereiten. Auf Kontinentalebene sind also durchaus Chancen vorhanden, dass mehrfaches Edelmetall abgeräumt wird. Das derzeit mehrere positive Überraschungen zu nennen sind, ist ohnehin eine gute Nachricht. Nicht zuletzt ob der miserablen Bilanzen der Vorjahre. Und klar: Es ist nicht von jetzt auf gleich alles besser, auch wenn etwa Frederik Ruppert die europäische Laufelite gegenüber Nationen wie Kenia oder Äthiopien nicht mehr zwingend im Nachteil sieht. Dass es derzeit insbesondere wieder schnelle DLV-Männer gibt, kann dem einstigen „Läufer-Verband“ jedenfalls nur gefallen. Mit Blick auf die Zukunft muss das wieder zum Standard in der Breite werden!

Alexander Dierke

Diamond League meeting  Shanghai/Keqiao  2026

Die großen Ziele

Köln, 26. Mai

Liebe Leserinnen und Leser,
es ist immer so eine Sache. Zu den klassischen Disziplinen der Leichtathletik zählen Extremläufe, Ultramarathons und Co. nicht. Dennoch sind Athleten wie Arda Saatci irgendwo natürlich in derselben Sportart angesiedelt, wenngleich es weniger um Vergleiche im Wettkampf als vielmehr um Extremleistungen geht. Mit dem Namen Saatci ist in den vergangenen Tagen wohl nahezu jeder in irgendeiner Form mal in Berührung gekommen – über 600 Kilometer hat der 28-Jährige in der Wüste Kaliforniens zurückgelegt. In 123 Stunden. Eine schier unglaubliche Leistung. Also haben wir uns entschlossen, mit ihm über seine unglaubliche Leistung zu sprechen. „Es geht mir darum, mich weiterzuentwickeln, neue Grenzerfahrungen zu sammeln und meinen Horizont zu erweitern“, verrät Saatci in einem seiner ersten – und wenigen – Interviews nach dem Ultramarathon gegenüber Leichtathletik. Was neben Hochachtung vor seiner Leistung herauszustellen ist: Der gebürtige Berliner will Vorbild sein, vor allem für junge Menschen, im Sport wie darüber hinaus. „Egal wie schwer der Weg ist: Es gibt immer irgendwie eine Möglichkeit, ans Ziel zu kommen“, sagt Saatci. Apropos Ziele: Die klassischen Leichtathleten arbeiten in diesem Sommer bekanntlich auf die Europameisterschaften in Birmingham hin, zum Auftakt der Freiluftsaison sind einige Athleten ordentlich gestartet. Aus deutscher Sicht ist aber ein Mann besonders hervorzuheben: Mohamed Abdilaahi. Nach nationalen Rekorden über 5.000 und 10.000 Meter ist der 27-Jährige nun auch deutscher Rekordhalter über 3.000 Meter. Sein Auftritt beim Diamond-League-Auftakt in Shanghai hat auch internationaler Konkurrenz imponiert. Kann er dieses Leistungsniveau, das er schon im Vorjahr wiederholt angeboten hat, über den Sommer halten, ist eine EM-Medaille mehr als ein realistisches Ziel. Edelmetall sollte auch im Marathon möglich sein, nicht zuletzt durch Vizeweltmeister Amanal Petros. Der 31-Jährige ist einer von 17 Athletinnen und Athleten, die schon jetzt durch den Deutschen Leichtathletik-Verband für die Titelkämpfe auf der britischen Insel nominiert wurden.

Alexander Dierke

260321 Keely Hodgkinson of Great Britain competes in women™s 800 meter semi-final during the 2026 World Athletics Indoor

Ernüchterung und Zuversicht

Köln, 31. März

Liebe Leserinnen und Leser,
das war’s. Ein letztes Mal ging es mit reichlich Tempo die Eingangs- und Ausgangsgeraden hinunter, noch einmal wurde hoch wie weit gesprungen. Oder anders ausgedrückt: Mit den Hallen-Weltmeisterschaften in Torun ist die Indoor-Saison auch offiziell zu Ende gegangen. Highlights gab es in der polnischen Stadt so einige – seien es der Siebenkampf-Weltrekord durch Simon Ehammer, die 800-Meter-Show von Keely Hodgkinson oder jene Glanzleistungen der beiden Youngster Cooper Lutkenhaus (800 Meter) und Jordan Anthony (60 Meter). Internationale Namen haben die globalen Titelkämpfe geprägt – wieder einmal. Denn aus deutscher Sicht waren diese in Summe durchaus ernüchternd. Trotzt eines im Vergleich zu den Vorjahren größeren Teams blieb die Delegation des Deutschen Leichtathletik-Verbands ohne Edelmetall. Ein schwaches Zeugnis, auch wenn eine solche Bilanz unter dem Hallendach nur eine gewisse Aussagekraft besitzt. Schließlich waren bis auf Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye keine absoluten deutschen Topstars in Torun am Start. Doch einen längst gewonnenen Eindruck bestätigte das dort gebotene dennoch einmal mehr: Der DLV ist davon abhängig, dass seine Besten (in diesem Falle Ogunleye) im entscheidenden Moment ihr Leistungspotenzial voll und ganz ausschöpfen. Was andernfalls passiert, wurde einem Outdoor als Extremfall bei den Weltmeisterschaften 2023 gezeigt. Nun also Mund abputzen und weitermachen. Die Europameisterschaften im Sommer sind das, was wirklich zählt. Auf europäischer Ebene sind mehr als eine Handvoll Medaillen Pflicht. Zugleich muss weiterhin alles daran gesetzt werden, in zahlreichen Disziplinen die Lücken zu den Weltbesten kleiner werden zu lassen.
Positiv aufzufassen ist da, was zwei deutsche Athleten unlängst schon draußen gezeigt haben. Während Amanal Petros seinen deutschen Rekord beim Berliner Halbmarathon einmal mehr verbessert, gelingt Mohamed Abdilaahi in den USA ein beinahe noch größeres Kunststück. Nach 29 Jahren knackt der 27-Jährige auf der Bahn über 10.000 Meter die zweite Bestmarke von Dieter Baumann. Diesem nimmt er mit seiner Zeit von 26:56,58 Minuten im Vergleich gar umgerechnet 152,25 Meter ab. Ein Vorstoß in neue Dimensionen sowie ein weiteres starkes Stück des Mannes, der nun fünf deutsche Rekorde innehat. Es sind Leistungen wie die von Abdilaahi und Petros, die einen dann doch wieder zuversichtlich stimmen.

Alexander Dierke

Diamond League Monaco  2025

Geduld zahlt sich aus

Köln, 15. Juli

Liebe Leserinnen und Leser,
als Mohamed Abdilaahi beim Diamond-League-Meeting in Monte- Carlo nach 12:53,63 Minuten die Ziellinie überquert, ist eine kleine deutsche Sensation perfekt. Der Athlet von Cologne Athletics hat gerade den nationalen Rekord über 5.000 Meter geknackt – eine Bestmarke, die zuvor seit dem Jahr 1997 zusammen mit dem Namen Dieter Baumann in der deutschen Bestenliste verankert war. Baumann – eine DLV-Ikone. Rund um die Neunzigerjahre auch international tonangebend und nicht zuletzt 1992 Olympiasieger. Über exakt jene 5.000 Meter. Dass der heute 60-Jährige zeitnah von „seinem“ Thron gestoßen werden würde – darauf hatte nicht wirklich etwas hingedeutet. Das derzeitige Niveau hierzulande ist – so schien es – schlicht nicht ausreichend. Der beste derzeit aktive deutsche Langstreckler über die Distanz fand sich in Person von Abdilaahi wieder.

Doch auch dessen persönliche Bestzeit lag noch vor wenigen Tagen knapp neun Sekunden oberhalb der Marke von Dieter Baumann (12:54,70 min). „Es kamen mir ganz kurz die Tränen, ganz ehrlich. Aber ich konnte sie zurückhalten“, untermauert der gebürtige Mönchengladbacher im Interview mit der ARD den Stellenwert seines Auftritts im Fürstentum. Denn es ist in erster Linie natürlich ein Triumph für den 26-Jährigen selbst: ein Athlet, der früh in seiner Karriere ein großes Talent offenbart. Eines, das bei Abdilaahi zwar auch in den Folgejahren unbestritten ist, das er aber nur dann und wann zeigen kann. Auch Fehleinschätzungen begleiten seinen Weg in den vergangenen Jahren. So setzt er 2024 beispielsweise darauf, sich über ausreichend viele Weltranglistenpunkte für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Ein Unterfangen, das schiefgeht. Die Norm für die diesjährigen Weltmeisterschaften hat er hingegen nun in der Tasche. Selbstreflektierend merkt er bei Sport1 an, man dürfe nicht aufgeben, „sondern man sollte seine eigene Entwicklung einfach genießen und geduldig abwarten. Irgendwann zahlen sich die vielen Kilometer aus.“ Das gilt in dieser Saison für gleich mehrere DLV-Athleten. Denn nach Hindernisläufer Frederik Ruppert und Mittelstreckler Robert Farken ist er schon der dritte deutsche Läufer, der 2025 eine Langzeit-Bestmarke knackt. Geduld zahlt sich aus. „Es geht voran in der deutschen Leichtathletik, vor allem im Laufbereich“, meint Abdilaahi. Er und seine beiden Lauf-Kompagnons liefern Argumente dafür.

Alexander Dierke