Tag : Tokio

Leichtathletik Weltmeisterschaften 2025 in Tokyo

Herz, Haltung, Höhenflug

Köln, 21. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Interviews, die bleiben im Kopf, weil sie mehr sind als ein Rückblick. Das Gespräch mit Frank Busemann war so eines. Ein Mann, der in Atlanta 1996 Silber gewann, aber über Gold heute kaum spricht – weil er längst andere Dinge wichtiger findet. Haltung etwa. Leidenschaft. Und die Fähigkeit, über Jahrzehnte für eine Sportart zu brennen, die ständig im Wandel ist. Wenn Busemann über Leo Neugebauer redet, klingt das wie ein Staffelstab zwischen Generationen: der ehemalige Zehnkämpfer, der in jedem Satz mitschwingen lässt, wie viel Herzblut in dieser Disziplin steckt – und der junge Weltmeister, der die Geschichte weiterschreibt. Beide zeigen, dass Erfolg im Mehrkampf nie Zufall ist, sondern eine Haltung: dranbleiben, egal wie viele Disziplinen gerade nicht perfekt laufen.
Diese Haltung findet sich auch bei zwei Athletinnen, die geografisch auf der anderen Seite des Globus, aber geistig ganz nah an diesem Spirit trainieren: Amanda und Hana Moll. Zwei Schwestern aus einem Ort, der symbolischer kaum heißen könnte – Olympia, Washington. Die Zwillinge könnten den Stabhochsprung in Zukunft mit einer Konsequenz prägen, die man selten sieht. Rekorde, Titel, gemeinsame WM-Finals – und doch geht es ihnen nie um den schnellen Effekt. „Wir sind prozessorientiert, nicht ergebnisorientiert“, sagt Amanda. Diese Generation denkt anders: weniger Pathos, mehr Plan. Und genau darin liegt vielleicht die Zukunft einer Sportart, die vom Feilen lebt – nicht vom Funkeln allein.
Und während die Molls die Disziplin neu definieren, zeigen andere, wie global Leichtathletik inzwischen geworden ist. Julien Alfred, die erste WM-Medaillengewinnerin für St. Lucia, und Alex Rose, der Samoa mit Bronze Geschichte schreiben ließ, sind Gesichter einer Entwicklung, die zeigt: Talent hat längst keinen Pass mehr. 53 Nationen holten in Tokio Medaillen – so viele wie nie zuvor. Vielleicht ist genau das die schönste Entwicklung: dass Leichtathletik heute mehr Stimmen hat, mehr Geschichten, mehr Farben. Frank Busemann würde das vermutlich gefallen. Denn in seiner Welt zählt nicht nur, wer am höchsten springt oder am weitesten wirft – sondern, wer sich dem Sport mit Herz, Haltung und einer guten Portion Menschlichkeit verschreibt.

Robin Josten

JPN, Leichtathletik, Athletics, World Athletics Championships Tokyo 25, Leichtathletik Weltmeisterschaften, 20.09.2025,

Richtige Richtung

Köln, 7. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser, „der Weg zurück in die Weltspitze ist noch lang und anspruchsvoll.“ Es sind beinahe ungewohnt ehrliche Worte, die man zwischen Lobeshymnen für Leo Neugebauer und Co. zum Abschluss der Weltmeisterschaften in Tokio beim Vorstand Leistungssport des Deutschen Leichtathletik-Verbands vernehmen kann. Dr. Jörg Bügner arbeitet heraus, dass es trotz fünf gewonnener Medaillen reichlich Arbeit für die Zukunft gibt. Längst nicht in allen Disziplinen stimmte die Richtung bei dieser zurückliegenden WM – und doch titelte auch die ­ Leichtathletik anschließend: „Der nächste Schritt“. Denn ein eben solcher waren die globalen Meisterschaften. Vor allem im Mehrkampf waren die deutschen Leistungen gut, nicht zuletzt bedingt durch Neugebauers WM-Titel. Youngster Sandrina Sprengel glänzte ebenfalls, Hammerwurf-Silbermedaillengewinner Merlin Hummel setzte gar noch ein größeres Zeichen für die deutsche Leichtathletik-Zukunft. „Die deutsche Leichtathletik lebt, sie ist nicht tot, wie es nach Budapest behauptet wurde“, befand Sprinterin Gina Lückenkemper. Auch sie hat Recht mit dieser Aussage. Doch es sind eben auch so manche negative Aspekte auszumachen. Über die flachen Laufdistanzen waren die Auftritte trotz guter deutscher Vorleistungen insgesamt enttäuschend. Und die Geschichte vom Leistungspeak im richtigen Moment ist eine, die nicht nur Lückenkemper betrifft: Nur acht persönliche Bestleistungen wurden in Tokio durch DLV-Athletinnen und Athleten aufgestellt. Positiv zu deuten ist wiederum ein vierter Rang in der Nationenwertung. Und jetzt? Eine Frage mit Blick auf die Zukunft, der wir genauer nachgehen.

Alexander Dierke

Day 9 - World Athletics Championships Tokyo 2025

Deutsche Realität in Tokio

Köln, 23. September

Liebe Leserinnen und Leser,
der abschließende Tag der Weltmeisterschaften in Tokio hatte noch mal reichlich zu bieten. Es regnete teils ergiebig, doch gleichermaßen hagelte es auch noch so manche richtig starke Leistungen. Insbesondere aus deutscher Sicht war das Finale der globalen Titelkämpfe durchaus erfolgreich. Das hat der Deutsche Leichtathletik-Verband vor allem einem Athleten zu verdanken: Leo Neugebauer. Der Zehnkämpfer ließ im wahrsten Sinne des Wortes sein Herz auf der Bahn und krönte seinen persönlichen Erfolgsweg mit der Goldmedaille. Für ihn wie auch die nationale Leichtathletik der nächste Schritt. Man hat wieder einen Weltmeister in seinen Reihen. Es ist das, was vor zwei Jahren in Budapest nicht gelungen war. Und auch die 4×100-Meter-Staffel der Frauen lief noch zu Edelmetall. Bronze. Der insgesamt fünfte Podiumsplatz des DLV-Teams im Land der aufgehenden Sonne. Denn auch Weitspringerin Malaika Mihambo sowie auf sensationelle Art und Weise Marathonläufer Amanal Petros und Hammerwerfer Merlin Hummel haben sich einen Platz unter den Top Drei ihrer Disziplin gesichert. Es ist auf dem Papier ein Aufschwung: Platz zwölf im Medaillenspiegel, gar Platz vier in der Nationenwertung. Und auch weitere Athleten wie etwa Siebenkämpferin Sandrina Sprengel, Zehnkämpfer Niklas Kaul, Mittelstreckler Robert Farken und Hürdensprinter Emil Agyekum haben überzeugt. Doch nicht alles war gut. Vor allem in den Laufdisziplinen bot sich insgesamt eine Enttäuschung. Die stärksten des Jahres um Mohamed Abdilaahi und Frederik Ruppert konnten nicht überzeugen. Auch im Hochsprung der Frauen und insbesondere im Speerwurf der Männer lief es nicht wie erhofft. Wobei im Falle von Julian Weber ihm wohl auch ein eingefangener Infekt die sicher geglaubte Medaille kostete. Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye ist wiederum inzwischen weit entfernt von ihrer Form des Vorjahres. Ohnehin: Ja, diese Titelkämpfe in Japan waren eine Steigerung, lassen einen wieder etwas zuversichtlicher auf die deutsche Leichtathletik blicken. Doch weiß man beispielsweise die Marathon-Medaille von Petros einzuordnen und rechnet noch zwei weitere, grundsätzlich höchstens realistische Podiumsplätze ein, so hat sich in Tokio die deutsche Realität der Leichtathletik abgebildet. Vier bis sechs Podiumsplätze ist das, was für die aktuelle Leichtathletik-Generation bei globalen Wettkämpfen maximal möglich ist. Die Trendumkehr ist gelungen, die Rückkehr unter die Top Fünf der Welt bis 2028 jedoch mehr als ambitioniert!

Alexander Dierke