Author : redaktion

World Athletics Championships Budapest 23; Hungary, 19.08.2023 Sophie Weissenberg (GER) prepares for the 200 m of the wo

Legitime Diskussion

Köln, 28. November

Liebe Leserinnen und Leser,
der 16. November war ein Tag, welchem wohl ein Großteil der deutschen Sportwelt entgegengefiebert hat. Nicht etwa, weil an diesem Tag irgendein großer sportlicher Wettkampf auf dem Programm gestanden hätte, sondern weil an diesem Donnerstag im Spätherbst in Berlin durchaus richtungsweisende Entscheidungen zur Spitzensportförderung in Deutschland getroffen wurden. Mit einem positiven Ausgang für den deutschen Sport. Denn entgegen ursprünglich durch den Bund geplanter Mittelkürzungen von 303 Millionen auf 276 Millionen Euro wird der Spitzensport auch im Olympia-Jahr 2024 die zuletzt übliche finanzielle Unterstützung erfahren. Für die Leichtathletik bedeutet das für die Highlight-Saison mit EM und Olympischen Spielen einen Zuschuss von rund 10,5 Millionen Euro. Bei gut 100 Millionen Euro, welche in die olympischen Sportarten fließen, eine weiterhin stolze Summe, wenngleich der Deutsche Leichtathletik-Verband im Nachgang an die verkorkste WM in Budapest mehrfach eine deutliche Erhöhung der finanziellen Zuschüsse durch den Bund forderte. Dass die Mittel zwischenzeitlich gar vor einer Kürzung standen, kam im gesamten deutschen Sport nicht gut an. Und: Es ist gut, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages sich noch einmal umentschieden hat. Dennoch finde ich es durchaus legitim, dass Kürzungen diskutiert wurden, speziell im Falle der Leichtathletik – werden die Mittel doch vor allem eingesetzt, um im Gegenzug auch sportliche Erfolge zu erzielen. Das geht seit Jahren (im deutschen Sport) kaum auf. Geld ist aber dennoch wichtig, insbesondere an der Basis und in Sachen Infrastruktur. Aber – wie heißt es im Fußball: „Geld alleine schießt keine Tore.“ Das gilt im übertragenen Sinne auch für die Leichtathletik.

 

Alexander Dierke

 

ISTAF; Berlin, 03.09.2023 Berlin, Germany - September 3: Kristin PUDENZ (GER) competing during the discus throw of the I

Vergangenheit & Zukunft

Köln, 14. November

Liebe Leserinnen und Leser,
langsam, aber sicher neigt sich das Jahr 2023 dem Ende zu. Ein Jahr, dem die deutsche Leichtathletik sicher nicht nachtrauern wird. Dafür war die Medaillenausbeute bei internationalen Großereignissen wie den Hallen-Europameisterschaften in Istanbul und den Weltmeisterschaften in Budapest einfach zu mager. Dennoch ist es an der Zeit, die starken und schwachen Leistungen der deutschen sowie internationalen Athleten genau unter die Lupe zu nehmen. Den Anfang machen in dieser Ausgabe die Wurfdisziplinen auf den Seiten 10 bis 13.
Wir wollen uns aber nicht nur mit dem Erlebten beschäftigen, sondern auch mit dem, was vor uns liegt. Im nächsten Jahr stehen die Olympischen Spiele in Paris auf dem Programm – so viel steht fest! Um dort in absoluter Topform zu sein, beginnen viele DLV-Athletinnen und -Athleten bereits Ende November mit gezieltem intensivem Training. Wir haben das Vorbereitungs-Mekka des DLV-Kaders – insbesondere der Läufer – einmal ins Rampenlicht gestellt. Warum ist Stellenbosch in Südafrika seit nunmehr zehn Jahren der ideale Ort, um an seiner Leistung zu schleifen? Die Antwort gibt das Top-Thema auf den Seiten vier und fünf.
Neben Vergangenheit und Zukunft darf natürlich auch das aktuelle Geschehen nicht zu kurz kommen. Und da stach vor allem der starke Auftritt von Hendrik Pfeiffer in New York heraus. Gegenüber Leichtathletik verriet er, dass der Marathon im Big Apple den gleichen Stellenwert habe wie der bei den Olympischen Spielen in Paris. Diesen Worten ließ der 30-Jährige Taten folgen. Auch wenn die Zeit aufgrund des schwierigen Profils nicht glänzte, Platz zwölf und die Erkenntnis, mit der Weltspitze mithalten zu können, taten es.

Robin Josten

 

Carolin HINGST Deutschland Gestik Geste winkt winkend Qualifikation Stabhochsprung der Frauen

Was zählt?

Köln, 31. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser,
was zeichnet die Leichtathletik und den Sport im Allgemeinen eigentlich aus? Sind es nicht in erster Linie persönliche Entwicklungen, Höhenflüge und Erfolge der Athleten, Punkte wie die Möglichkeit des Wettkampfvergleichs oder auch die Stärkung eines Gemeinschaftsgefühls? De facto sollte man für seine Sportart brennen, eine Leidenschaft inne haben, welche einen antreibt. Das sind Tribute, wie sie etwa Carolin Hingst ihre gesamte Karriere verfolgte – 25 Jahre hat die Stabhochspringerin die nationale Leichtathletik geprägt, ehe sie in der vergangenen Woche das Ende ihrer Laufbahn bekanntgegeben hat. Ist es eine Generationenfrage, ein Wandel in der Gesellschaft hin zu mehr Bequemlichkeit? Das mag man durchaus so sehen, doch das Beispiel Hingst zeigt, dass es um mehr geht als gesellschaftliche Entwicklungen.
In allererster Linie geht es um die Einstellung eines Athleten oder einer Athletin. Aber: Leidenschaft, die Liebe zum Sport Hin oder Her, der Überlebenskampf mancher Sportler im deutschen Leistungssport ist mitunter schwer. Speziell der Leichtathletik fehlt oft die finanzielle Lukrativität, die es nun mal benötigt, um sich die Traumkarriere im Sport auch leisten zu können. Sprinterin und Social-Media-Star Alica Schmidt brachte die Debatte jüngst neu ins Rollen, sprach von zu wenig finanzieller Unterstützung durch Verband, Sporthilfe und Vereine. Wer nicht etwa über die Bundeswehr oder Bundespolizei abgesichert ist, hat es mitunter hart. Dass Hendrik Pfeiffer erzählt, er habe sich einen Start bei der WM in Budapest schlicht nicht erlauben können, weil er bei den dortigen Bedingungen die Kader-Norm wohl nicht erreicht hätte, offenbart Schwachstellen. Über Veränderungen im System nachzudenken kann definitiv nicht schaden.

Alexander Dierke

 

Golden Tracks Awards

Abermalige Dominanz

Köln, 24. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser,
es beginnt die Zeit, in welcher die herausragenden Leistungen der vergangenen Monate noch einmal gebührend gewürdigt werden. Der Dachverband European Athletics macht mit der Wahl seiner europäischen Leichtathleten des Jahres traditionell den Anfang – so auch in dieser Saison. Im Vergleich zum Vorjahr geändert hat sich jedoch nichts. Die Niederländerin Femke Bol und der Norweger Jakob Ingebrigtsen haben vielmehr ihre Titel verteidigt. Das mag auf den ersten Blick wenig „einfallsreich“ wirken, sind neue Namen, die in die Geschichtsbücher dieser Preisverleihung aufgenommen werden, doch immer etwas Schönes. Für die entsprechenden Athleten, wie auch die Fans. Doch in diesem Jahr waren es schlicht die beiden Lauf-Asse Bol und Ingebrigtsen, welche erneut überragten. Vielmehr noch waren sie es, die ihre Leistungen der vorherigen Saison abermals deutlich pulverisierten. Dreimal WM- Gold, ein Weltrekord und sechs Europarekorde heimsten beide in Summe ein. Mit einer teils beeindrucken Dominanz. Und: Beide sind nach Niederlagen in Budapest (Bol mit der Staffel, Ingebrig- tsen über 1.500 Meter) nur noch stärker zurück gekommen. Das spricht für sich. Gewählt wurden im litauischen Vilnius auch die Rising Stars. In diesem Jahr sind das Hochspringerin Angelina Topic und Weitspringer Mattia Furlani. Doch auch aus deutscher Sicht haben sich in dieser Saison drei Talente in den Vordergrund gespielt: Hürdensprinterin Rosina Schneider, Mittelstrecklerin Jolanda Kallabis und Siebenkämpferin Sandrina Sprengel. Sie entfachen inmitten der deutschen Leistungskrise berechtigte Euphorie – und: Es macht einfach Spaß ihnen zuzuschauen. Die Geschichte ihres Aufschwungs beleuchten wir in dieser Ausgabe genauer.

Alexander Dierke

 

Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften; Braunschweig, 06.06.2021 Gesa Felicitas Krause (Silvesterlauf Trier) gewinnt di

Zukunftsfragen

Köln, 17. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser,
die Zukunft des Sports ist ein Thema, welches aktuell nicht nur in der Leichtathletik behandelt wird. Die „Baustellen“ sind groß, etwa wenn es um jene seit Wochen diskutierten, notwendigen (personellen) Veränderungen beim DLV geht. Oder aber die Sportförderung in Deutschland samt berüchtigten Potenzialanalysesystem. Und auch die Frage nach dem Gastgeber der Olympischen Sommerspiele 2036 beherrscht die Sportwelt derzeit. Auch ob einer möglichen Bewerbung Indiens, welche deutlich macht, wie sehr der Sport inzwischen neue Märkte erobert. Zu einer Austragung im mittlerweile bevölkerungsreichsten Land der Welt lassen sich sowohl positive (etwa große Sportbegeisterung in Indien) als auch negative Argumente (etwa schlechte Arbeitsbedingungen vor Ort) ausmachen, wobei für mich die Gründe dagegen überwiegen. Dennoch dürfte Indien im Zweifelsfall deutlich höhere Chance auf die Durchführung der Spiele besitzen als Deutschland.
Die Spikes wird Gesa Krause bis 2036 wohl an den Nagel gehängt haben, doch für 2024 ist es genau der olympische Traum, welchen die Hindernis-Spezialistin verfolgt. Nach Baby-Pause arbeitet Krause intensiv im Training – welches sie auch während der Schwangerschaft in eingeschränkter Form aufrecht erhalten hat – und lief bereits wieder erste Rennen. Schließlich will sie bis zur Hallensaison wieder komplett fit sein, wie sie im exklusiven Interview erzählt. In der ungewohnten Rolle als Zuschauerin musste Krause zuletzt die WM verfolgen – das bot etwas Zeit, über die deutsche Leichtathletik und den Sport im Allgemeinen nachzudenken. Das Fazit: „Solange der Stellenwert des Sports bei uns nicht wieder angehoben wird, ist es auch für die Verbände schwer.“ Öffentlich präsenter könnte sich der DLV seit Budapest dennoch zeigen, ist die Kommunikation der Verantwortlichen doch weiterhin ziemlich überschaubar.

Alexander Dierke

 

Chicago Marathon

Rekord und Rückkehr

Köln, 10. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser,
was war das für ein packender Marathon in Chicago. Nachdem vor zwei Wochen bei den Frauen Tigst Assefa ein neuer Weltrekord gelang, tat es ihr Kelvin Kiptum in der US-Metropole nun gleich. Der Kenianer ist der erste Mensch, der die Marke von 2:01 Stunden unterbieten konnte – und sorgt mit seiner Bestmarke für reichlich Gesprächsstoff. Zum einen ob seiner Fabelzeit, aber zum anderen auch, weil eben solche Resultate die Frage aufkommen lassen, inwiefern ein Sportler solche Ergebnisse tatsächlich (ohne Hilfsmittel) erzielen kann.
Unverändert ist das Ziel des deutschen Mittel- und Langstrecken-Asses Konstanze Klosterhalfen, endlich wieder mit voller Fitness auf die Laufbahn zurück zu kehren. Seit Anfang des Jahres plagt „Koko“ eine Fußverletzung, welche sie den Großteil der zurückliegenden Saison zum Zuschauen verdammte. Im Rahmen eines Events ihres Ausrüsters konnte ich mit ihr beim Köln Marathon über ihren langwierigen Weg zurück sprechen und dabei vor allem eines feststellen: Die positive Ausstrahlung hat Klosterhalfen nicht verloren, auch wenn sie ihrer großen Leidenschaft im Moment nicht nachgehen kann. Nichts überstürzen mit einem möglichen Comeback lautet ihre Devise. Und das ist auch gut so, schließlich stehen auch für sie mit der EM und den Olympischen Spiele im kommenden Jahr zwei große Highlights an. Und wo, wenn nicht dort, würden wir alle sie am liebsten wieder jubeln sehen.

Alexander Dierke

 

Leichtathletik - Medientag vor den Weltmeisterschaften

Ein erster Schritt

Köln, 26. September

Liebe Leserinnen und Leser,
vier Wochen lang war es äußert still um den DLV, zumindest, was die Kommunikation des Verbandes selbst anbelangte. In der Öffentlichkeit hingegen begann eine breite Diskussion über die Ursachen des schwächsten deutschen WM-Abschneidens der Historie und notwendige Konsequenzen. Am vergangenen Wochenende dann versammelte sich der DLV zu seiner ersten Jahresklausur — mit weitreichenden Folgen: Chef-Bundestrainerin Annett Stein hat ihr Amt nicht mehr länger inne, Dr. Jörg Bügner künftig stattdessen mehr Einfluss. Das ist ein erster unumgänglicher Schritt, wenngleich nicht ohne Risiko, ist der Sportdirektor doch erst seit Anfang des Jahres im Amt, kommt ursprünglich nicht aus der Leichtathletik und betonte zuletzt selbst, er habe noch längst nicht alle notwendigen Einblicke in die Strukturen seines Arbeitgebers.
Und: Ausreichen tun diese Konsequenzen alleine nicht. Denn die Übermacht beim DLV heißt Idriss Gonschinska – der Vorstandsvorsitzende beorderte Stein 2019 zur Cheftrainerin. Ein Posten, dem sie nicht gewachsen war, viel mehr kann ihre Verpflichtung als ein Sinnbild des Untergangs angesehen werden. Über die Hintergründe der damaligen Entscheidung darf durchaus spekuliert werden, die nun abermals notwendigen strukturellen Veränderungen stellen aber auch Gonschinskas Kompetenzen endgültig in Frage. Denn er ist derjenige, der die deutsche Leichtathletik in den vergangenen Jahren geprägt hat, die Entwicklungen im Leistungssport hat in erster Linie er zu verantworten. Für einen kompletten Neuanfang sollte deshalb auch seine Position dringend überdacht werden. Es braucht zeitnah klare Aussagen. Apropos Kommunikation: Die getroffen Maßnahmen findet man auf der Verbandswebsite nur „versteckt“ in einer News-Sektion. Das kann jeder für sich selbst interpretieren.

Alexander Dierke

 

230819 Sophie Weissenberg of Germany celebrates after competing in women™s 200 meters heptathlon during day 1 of the 202

Sympathisch & erfolgreich

Köln, 19. September

Liebe Leserinnen und Leser,
mit dem Finale der Diamond League ist auch das letzte große Meeting des Freiluft-Jahres 2023 absolviert, für die Athleten steht nach einer langen Saison nun vor allem eines auf dem Programm: Urlaub. In Eugene aber boten die Protagonisten beim Showdown noch einmal reichlich Spektakel. Zahlreiche Weltmeister untermauerten ihre in Budapest gewonnene Titulierung, wobei zwei Athleten besonders herausstachen: Gudaf Tsegay und Armand Duplantis glänzten mit zwei Weltrekorden. Für den schwedischen Stabhochsprung-Künstler „Mondo“ ging mit übersprungenen 6,23 Metern de facto auch noch das letzte große Saison-Ziel in Erfüllung. Nach einer wohlverdienten Pause wird für ihn – wie die übrigen Athleten – bereits in wenigen Wochen die Vorbereitung auf das Highlight des nächsten Jahres beginnen: die Olympischen Spiele in Paris.
Den Traum einer dortigen Teilnahme verfolgt auch Sophie Weißenberg. Die Siebenkämpferin war eine der absoluten deutschen Lichtblicke bei der WM und konnte nach schwierigen Jahren endlich ihre ersten vollständigen internationalen Titelkämpfe bestreiten. Den Spaß konnte man der Leverkusener Athletin an beiden Mehrkampf-Tagen ansehen, mit neuer PB von 6.438 Punkten wurde sie starke Siebte und bewies eindrucksvoll, dass sie in Zukunft um die Medaillen mitkämpfen kann. Entsprechend groß war meine Freude, mit der sympathischen Athletin im exklusiven Leichtathletik-Interview zu sprechen, sind es doch Sportlerinnen und Sportler wie sie, welche der deutschen Leichtathletik äußerst gut zu Gesicht stehen. Dass sich im deutschen System nach dem WM-Debakel dringend etwas ändern muss, merkt auch Weißenberg an. Drastisch hingegen bewertet Ex-Bundestrainer Jürgen Mallow die derzeitig Situation des DLV – seine knallharte Analyse lesen Sie ebenfalls in der dieswöchigen Leichtathletik-Ausgabe.

Alexander Dierke

 

Gina LUECKENKEMPER (SCC Berlin, GERMANY), 100m Women, 100m Frauen HUN, Leichtathletik, Athletics, World Athletics Champi

System hinterfragen

Köln, 5. September

Liebe Leserinnen und Leser,
ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber auch mit über einer Woche Abstand zu den Weltmeisterschaften sind diese für mich noch immer das beherrschende Thema. Schlicht zu groß war die Enttäuschung über das Abschneiden des DLV-Teams in Budapest, zu groß der Schmerz, der einen jeden, der es mit der deutschen Leichtathletik hält, überkommen hat. Gepaart mit der bitteren Erkenntnis, dass Deutschland im Vergleich mit der Weltelite tatsächlich nicht mehr konkurrenzfähig ist. Und diese Tatsache wird allen voran den DLV-Athleten besonders zusetzen, jenen Sportlern, die in Ungarn zum Teil über sich hinausgewachsen sind — im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Denn für die Ursachen dieses historischen Debakels sind in erster Linie andere verantwortlich. Das deutsche Leichtathletik-System scheint beschädigt, fehlerhaft. Offenbart Schwächen, die sich über die Jahre entwickelt haben. Droht der einstigen Medaillennation Deutschland gar der Absturz in die Bedeutungslosigkeit? Und an welchen Stellschrauben muss zwingend gedreht werden? Mit diesen Fragen haben wir uns in den Tagen seit der WM beschäftigt, mit den Meinungen und der Kritik der Experten. Gesprochen haben wir auch mit einem, der die Geschehnisse im Nemzeti Atlétikai Központ bestens einordnen kann: Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann war die gesamten neun Wettkampftage als TV- Experte vor Ort und hat erlebt, wie sich etwa die Förderung, welche Leo Neugebauer in den USA erhält, in Budapest positiv bemerkbar gemacht hat. Auch ohne Medaille. Die Gesellschaft muss ihr Verständnis von Leistung jedenfalls grundsätzlich hinterfragen, meint Busemann, und stößt eine Diskussion an, welche über die Leichtathletik hinaus zu führen ist.

Alexander Dierke

 

World Athletics Championships Budapest 23; Hungary, 21.08.2023 Budapest, Hungary - August 21: Gina LUECKENKEMPER of GERM

Historisches Desaster

Köln, 29. August

Liebe Leserinnen und Leser,
nun stehen sie also in den Büchern, die Weltmeisterschaften in Budapest. Mit den globalen Titelkämpfen, nur ein Jahr nach der WM in Eugene, waren großen Hoffnungen verbunden. Hoffnungen darauf, dass es für das DLV-Team besser laufen würde als im Vorjahr. Wobei, das ist natürlich nur die halbe Wahrheit: Ein besseres deutsches Abschneiden als 2022 in den USA war nicht wirklich zu erwarten – zu sehr beherrschten Verletzungssorgen die Equipe des nationalen Verbandes, zu groß war bereits im Vorfeld die Erkenntnis, dass die deutschen Athleten gegen die Weltelite (meist) nur noch hinterherlaufen. Hinterherwerfen. Hinterherspringen. Doch es kam noch schlimmer. Null Medaillen. Der Salto Nullo. Die deutsche Leichtathletik hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Ein historisches Desaster, das so nicht einfach hingenommen werden darf. Die einstige Leichtathletik-Nation Deutschland, sie besteht gegen die Weltkonkurrenz nicht mehr. Dieses Bild darf auch nicht durch die zahlreichen Ausfälle oder manch starke Einzelleistung geschönt werden.
Die Ursachen dafür sind unterschiedlich wie vielschichtig. Aber: Das Ziel einer Rückkehr unter die Top Fünf der Nationenwertung bis 2028 scheint nach dieser WM endgültig realitätsfern. Begrenzte Fördermöglichkeiten, fehlende Lukrativität der Sportart sowie Trainingsmöglichkeiten, die etwa mit denen in den USA nicht mithalten können – es ist lediglich ein Teil der Probleme, denen sich nicht nur Leichtathletik- Deutschland, sondern ein Großteil der nationalen Sportwelt derzeit ausgesetzt sieht. Man muss an der Basis ansetzen, und der DLV muss sich von Grund auf hinterfragen. Das gilt auch für die Leistungsbewertungsgrenze, welche immer weiter nach unten zu rücken scheint.

Alexander Dierke