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Vergessene Disziplin

Vergessene Disziplin

Köln, 28. Juli 2017

Bei den Olympischen Spielen im Jahr 1900 in Paris gab es zwei Weitsprung-Wettbewerbe. Den einen gewann Alvin Kraenzlein mit einer Weite von 7,185 Metern, im anderen siegte Extra Dry mit 6,10 Metern.

Wer jetzt auf einen Frauen- und einen Männerwettbewerb setzt, liegt vollkommen falsch. Die Damen dürften erst 48 Jahre später im Weitsprung ran. Um eins nach dem anderen aufzulösen, sei zunächst gesagt: Alvin Kraenzlein ist ein männlicher Athlet und gewann somit auch die so betitelte Disziplin. Auch wenn ihm das wohl nur mit einem üblen Trick gelang. Der US-Amerikaner, der in der Qualifikation Zweiter war, hatte sich eigentlich mit Quali-Gewinner Myer Prinstein (USA) darauf geeinigt, im Finale nicht teilzunehmen. Da dies auf einen Sonntag fiel und die Quali-Ergebnisse auch für das Finale gültig blieben. Doch Kraenzlein entschied sich spontan um und gewann.

Von Extra Dry sind solche Spielchen nicht bekannt. Extra Dry ist als Belgier in den Olympia-Annalen notiert, langer Hals, dunkles geflochtenes Haupthaar und ein eher längliches Gesicht. Kurzum, Extra Dry gewann den Weitsprung der Pferde-Konkurrenz zusammen mit Reiter Constant van Langhendonck auf dem Rücken.

Kraenzlein hatte neben dem Weitsprungtitel auch über 60 Meter sowie 110 Meter Hürden und 200 Meter Hürden gewonnen. Somit zog er nach den Spielen – auf dem Höhepunkt seiner sportlichen Karriere – nach Milwaukee und eröffnete eine Zahnarztpraxis. Extra Dry musste hingegen notgedrungen und ungefragt auf eine Titelverteidigung verzichten, da die Spiele 1900 bis heute die einzigen bleiben sollten, in denen sich Pferde im Weitsprung messen dürften. Auch über eine etwaige Zahnarzt-Karriere Extra Drys ist trotz entsprechendem Gebisses nichts bekannt.

Kerstin Börß

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Ganz schön unethisch!

Ganz schön unethisch!

Köln, 27. Juli 2016

Ganz schön viel ist in der letzten Woche rund ums Thema Doping passiert, also verlieren wir nicht viel Zeit und stellen noch einmal kurz die Fakten zusammen: Es wird in Rio de Janeiro ein unter russischer Flagge antretendes Olympiateam geben – das IOC hat sich trotz nachgewiesenen Staatsdopings gegen eine Gesamtsperre Russlands entschieden. Russische Leichtathleten bleiben hingegen komplett von den Spielen ausgeschlossen – auch Whistleblowerin Julia Stepanowa erhält keine Starterlaubnis.

Aus Sicht der Leichtathletik ist das die schwerwiegendste Fehlentscheidung des IOC in diesen Tagen. Liest man die Begründung, kann man nicht anders, als sich verwundert die Augen zu reiben: Stepanowa erfülle nicht die „ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten“, meint man beim IOC. Will heißen: Die Mittelstrecklerin war selber 2013 für zwei Jahre wegen eines- Dopingvergehens gesperrt worden. Diese Strafe hat sie verbüßt.

Jetzt fragt man sich: Wie viel Läuterung, Engagement und Mut muss man aufbringen und wie viel Gefahr- muss man auf sich nehmen, um jene „ethischen Ansprüche“ wieder zu erfüllen und sich eine Olympia-Teilnahme zu verdienen? Und wie vielen anderen Athleten – nicht nur aus Russland, sondern aus der ganzen Welt –, die in Rio an den Start gehen werden, ist Stepanowa mit ihrem Engagement meilenweit voraus? Spätestens in vier Jahren, wenn die Ergebnisse der Nachtests zu den Spielen in Rio veröffentlicht werden, wissen wir mehr, meint

Daniel Becker

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Was für eine Fehlentscheidung!

Was für eine Fehlentscheidung!

Köln, 26. Juli 2016

Aus der Verantwortung gestohlen hat sich dieses Internationale Olympische Komitee (IOC), und als Erster in den Büschen verschwunden ist deren Präsident, Thomas Bach.

Zupp, weg war er, nachdem beschlossen worden war: Keine Sperre des kompletten Russischen Olympia-Teams für Rio 2016, keine Verurteilung wegen nachgewiesenem, staatlich unterstütztem Doping, keine Unterstützung für die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), kein Zeichen für sauberen und fairen Sport, keine übergreifende Sperre!

Stattdessen delegierte der Herr der Ringe die Entscheidung an die entsprechenden Verbände, Tenor: Macht’s wie die Leichtathletik oder lasst es wie die Tennisspieler, ich bin jetzt raus, außerdem ist’s mir eh wurscht!

Was für eine Fehlentscheidung!

Wer damit leben kann, kommentiert wie die italienische Sport-Tageszeitung „Corriere dello Sport“: „Das IOC setzt nur Grenzen, überlässt die Entscheidung aber den Verbänden. Elf Tage vor den Spielen gewinnt die Realpolitik des Deutschen Thomas Bach.“

Wer das kritisch sieht, hält es mit der „Frankfurter Allgemeine“ und dem Kommentar auf „FAZ.net“: „Mit der Entscheidung gegen einen kompletten Ausschluss der russischen Mannschaft von den Olympischen Spielen in Rio hat das IOC jedenfalls die Werte, für die es angeblich steht, verraten.“

Fatalisten halten es wie die französische „L’Équipe“: „Das Olympische Komitee hat seinen Mut genommen, ihn vorsichtig in die Schublade gelegt und deren Schlüssel verlegt.“

Und die Folgen beschreibt der englische „Daily Mail“: „Bühne frei für die chaotischsten und verrufensten Olympischen Spiele der Geschichte.“

Welche Position man auch immer bezieht – einer der großen Aufgaben eines Sportverbandes wird das IOC garantiert nicht gerecht: der Verantwortung für seine Olympischen Athleten und Athletinnen! Denn …

Erstens: Die Sauberen sind jetzt nicht geschützt gegen den Wettbewerb mit gedopten Gegnern.

Zweitens: Allen russischen Teilnehmern droht ein Spießrutenlauf ohne Gleichen, auch den sauberen!

Und, drittens: Den möglicherweise gedopten Siegern wird eine Bühne geboten, die nur sauberen, ehrlichen und fairen Sportlern und Sportlerinnen gehören darf.

 

Fred Wipperfürth

F.Wipperfürth

Nicht so schüchtern

Nicht so schüchtern

Köln, 22. Juli 2016

„Ich habe diese Regeln nicht gemacht. Ich muss damit nur umgehen. Und ich respektiere jede Entscheidung. Ich habe nicht zu kommentieren, ob das nun die richtige Entscheidung ist oder nicht.“ Das sagte der jamaikanische Top-Sprinter Usain Bolt, nachdem der Internationale Sportgerichtshof CAS die Sperre der russischen Leichtathleten für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro bestätigt hatte. Damit hat Bolt die Chance verpasst, sein Profil – nicht als Sportler, aber als Sportpersönlichkeit – zu schärfen. Eine klare Meinungsäußerung des weltweit größten Superstars der Leichtathletik hätte der Debatte gut getan – ganz egal, ob Bolt damit den Bann gegen die russischen Leichtathleten befürwortet oder abgelehnt hätte.

Daniel Becker

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Next Generation

Next Generation

Köln, 21. Juli 2016

Dreispringer Max Heß sowie die Sprinterinnen Gina Lückenkemper und Lisa Mayer haben einiges gemeinsam: Alle drei kamen im Jahr 1996 auf die Welt, gehören aktuell zum Besten, was Deutschland in diesen Disziplinen zu bieten hat, und werden im kommenden August bei den Olympischen Spielen mit -(Staffel-)Medaillenchancen an den Start gehen. Schon einmal haben die drei Athleten den gemeinsamen Medaillencoup geschafft: bei den U20-Weltmeisterschaften 2014 im US-amerikanischen Eugene/Oregon – Heß mit Silber, Lückenkemper und Mayer mit Staffel-Bronze. Es waren Startschüsse für drei international erfolgreiche Karrieren.

Nun geht es wieder los, in dieser Woche- finden im polnischen Bydgoszcz die nächsten U20-Weltmeisterschaften statt. Und wieder ist eine Reihe vielversprechender DLV-Athleten am
Start. Die Frage lautet also: Wer tritt in die Fußstapfen der letzten erfolgreichen U20-Generation um Heß, Lücken-kemper und Mayer?

Mein Tipp: Die drei heißesten DLV-Eisen im Feuer heißen in diesem Jahr Konstanze Klosterhalfen, Jan Ruhrmann und Niklas Kaul. Oder glauben Sie eher an Diskuswerfer Clemens Prüfer, Kugelstoßerin Alina Kenzel und Weitspringerin Sophie Weißenberg? So oder so: Die Ausgangsposition für erfolgreiche Weltmeisterschaften könnte kaum besser sein, meint

Daniel Becker

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Ein klares Jein – Contra

Ein klares Jein – Contra

Köln, 14. Juli 2016

Zur Olympia-Nominierung von Christina Obergföll

„Die Form spricht für Molitor“

Katharina Molitor klagt. „Der DOSB hat uns damit keine andere Wahl gelassen“, sagte ihr Anwalt Paul Lambertz der Rheinischen Post. Über den Weg der Leverkusenerin vor Gericht kann man sicherlich streiten. Doch ihre Aufgebrachtheit ist verständlich.

„Unsere Philosophie ist, dass die Leistungen, die der Nominierung zugrundeliegen und eine Endkampfchance begründen sollen, nicht Monate oder Jahre her sein sollen, sondern aktuell gezeigt worden sein sollen“, erklärte Michael Vesper, Vorstandschef des Deutschen Olympischen Sportbundes, als Reaktion auf das juristische Vorgehen der Weltmeisterin von Peking.

Doch es ist nicht gerade die aktuelle Form, die für Katharina Molitor spricht?

Zugegeben: Die letzte starke Weite der nun für Rio nominierten Christina Obergföll liegt mit 63,96 Metern bei den Badischen Meisterschaften Anfang Juli nicht allzu lange zurück. Doch die Auftritte der Offenburgerin in der jüngsten Vergangenheit lassen eins besonders vermissen: Konstanz auf hohem Niveau. Wenige Tage später nach den Badischen Meisterschaften war Obergföll beim Meeting in Oslo nicht über Rang drei und 61,63 Meter hinausgekommen, bei der DM in Kassel hatte es sogar nur zu Platz vier und zu keinem einzigen Versuch über 60 Meter gereicht. Bei einem Meeting in ihrer Heimatstadt am vergangenen Sonntag hätte sie noch einmal die Chance gehabt, selber eine ansteigende Formkurve nachzuweisen. Doch Obergföll sagte den Start ab.

Anders die Situation bei Katharina Molitor. Deren Formkurve zeigte in den letzten Wochen konstant nach oben:
Bei den Deutschen Meisterschaften in Kassel war sie auf Rang zwei und mit 62,68 Metern deutlich vor ihrer Offenburger Konkurrentin gelandet, wonach es für sie – zur Belohnung und trotz schwächerer absoluter Bestweite– im Gegensatz zu Obergföll zur EM nach Amsterdam ging. Dort belegte Molitor mit neuer Saisonbestleistung von 63,20 Metern Rang vier. Obergföll musste sich die Wettkämpfe in Amsterdam währenddessen von zu Hause aus anschauen. Klingt eigentlich nach einer klaren Sache. Letztlich scheint Obergfölls Leistung bei den Badischen Meisterschaften bei der Nominierung den Ausschlag zu ihren Gunsten gegeben zu haben. Michael Vesper spricht von Leistungen, die „eine Endkampfchance begründen sollen“. Damit macht er eine Rechnung auf, in die nur starke Leistungen einbezogen und schwache Leistungen außen vor gelassen werden. Gut möglich, dass diese Rechnung am Ende nicht aufgeht.

Daniel Becker

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German Championships In Athletics - Day 2

Ein klares Jein – Pro

Köln, 14. Juli 2016

Zur Olympia-Nominierung von Christina Obergföll 

„Bitte keine Diskussion über Weitengleichheit“

Da ham se den Salat! Die Speerwerferin Katharina Molitor vom TSV Bayer Leverkusen will ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro erzwingen. Und so die Kollegin Christina Obergföll  von der LG Offenburg rausdrängen.

Molitor argumentiert, warum ihr der dritte Speerwurfplatz zustehe. Ihr Anwalt ist fürs Drohen zuständig. Setzt Frist. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) lässt die verstreichen. Und nun geht’s vor Gericht. Verband gegen frustrierte Athletin, na super!

Egal! Was aber sollte als Grundlage fürs Urteil auf den Richter-Tisch? Ich sag mal: Weiten 2016!

Das bedeutet nach DLV-Rangliste, also nach Standard-Währung: 1. Christin Hussong, 66,41 m; 2. Linda Stahl, 65,25 m, 3. Christina Obergföll, 64,96 m,; 4. Katharina Molitor, 63,20 m. Kladde zu! 

Okay, in der IAAF-Weltrangliste, die in ihrem Ranking alle Würfe registriert, finden sich in der Aufzählung 1 bis 162 … Obergföll, 64,96 m, Molitor 63,20m,  Molitor, 62,86 m; Obergföll, 62,75 m; Obergföll, 62,36 m; Molitor, 62,12 m; Molitor, 62,01 m, … Ende. Also 4:3 für Molitor.

Geht also Menge vor absoluter Weite?

Mmmmhh, wie läuft das denn am 18. August 2016 ab 21.10 Uhr im Speerwurf-Finale der Frauen. Gewinnt die Frau mit den meisten Würfen über, sagen wir mal, über 65 Meter? Oder die, die den Speer einmal über 66,50 Meter geballert hat?

Ach so, jetzt bitte keine Diskussion über Weitengleichheit 😉

Fred Wipperfürth

F.Wipperfürth

Nominierungsärger

Nominierungsärger

Köln, 13. Juli 2016

Der endgültige Kader für die Olympischen Spiele in Rio steht. Das konkurrenzfähige Leichtathletik-Team, das am Zuckerhut um die olympischen Ehren kämpfen wird, umfasst demnach 92 Olympioniken. Wie in jedem Jahr haben auch in diesem viele weitere DLV-Athleten die geforderten Normen erfüllt, müssen allerdings aufgrund des maximalen Kontingents von drei Startplätzen pro Disziplin in Deutschland bleiben. Das führte unweigerlich zu schweren Entscheidungen und großer Enttäuschung bei den Nicht-Berücksichtigten. So traf es zum Beispiel die Speerwurf-Weltmeister Katharina Molitor, der Christina Obergföll vorgezogen wurde. Oder den Speerwerfer Lars Hamman, der trotz einer Saisonbestleistung von 85,67 Meter der starken nationalen Konkurrenz weichen musste.

Das ist bitter, aber der Lauf der Dinge. Doch eine Frage, die die Sprinterin Inna Weit nach ihrer Nicht-Berücksichtigung zurecht in den Raum warf, muss gestattet sein: Warum wurden bei den Männern acht Sprinter nominiert und bei den Frauen der Zunft nur sieben? Noch dazu erfüllten Robert Hering, Sven Knipphals, Robin Erewa, Roy Schmidt und Alexander Kosenkow weder über 100 noch über 200 Meter die Norm – sie alle sind aber für die 4×100 Meter Staffel nominiert. Auch diese Entscheidung sorgte im Übrigen für Gesprächsstoff. Beim ASV Köln traf die Nominierung, die in Peter Emelieze den Siebten der deutschen Bestenliste und dritten der Deutschen Meisterschaften von Kassel außen vor ließ, auf Unverständnis. Der Verein hat um eine Begründung des Verbandes gebeten, überhaupt sei laut ASV die Kommunikation schon im Vorfeld nicht die Beste gewesen.

Aber zurück zu Inna Weit. Die Sprinterin vom ART Düsseldorf knackte anders als fünf der acht nominierten Männer zweimal die DLV-Vorgabe – zumindest über 200 Meter. Sie hätte also eine formelle Berechtigung, in Rio mit von der Partie zu sein. Wenn schon nicht als Einzelstarterin, wo doch Gina Lückenkemper, Lisa Mayer und Nadine Gonska über 200 Meter auf dem Tartan schneller unterwegs waren in diesem Jahr, dann wenigstens als Ersatzläuferin für die 4×100-Meter-Staffel, als erfahrene achte Frau. Olympia ist ein irres Erlebnis, für viele Sportler das größte der gesamten Laufbahn. Wenn man als Athlet die Norm unterbietet, darf man sich berechtigte Hoffnungen auf eine Teilnahme machen. Dafür sind Normen da. Und gerade im Sprintbereich können durch die Staffeln vermeintlich geplatzte Träume aufgefangen werden. Warum wurde bei den Frauen also nicht das Maximum ausgereizt? Eine Frage, die Klärung bedarf, meint

Tim Kullmann

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Mehr Klarheit!

Mehr Klarheit!

Köln, 12. Juli 2016

Christina Obergföll wurde vom DOSB für die Olympischen Spiele nominiert. Die Entscheidung, ob sie oder die Leverkusenerin Katharina Molitor mit nach Rio fahren sollen war eine, die ein grundsätzliches Problem aufgeworfen hat. Unabhängig davon, wie die Entscheidung nun ausgefallen ist und wie sie begründet wurde: Es wäre fair gewesen, im Vorfeld der Nominierung mit offenen Karten zu spielen. So hatten beide Athletinnen das Gefühl, sich im Vorfeld verbal in Stellung bringen zu müssen: „Das ist natürlich etwas anderes, ob ich einen Stadtwettkampf mache, der ein bisschen auf einen ausgerichtet ist, oder bei einer Meisterschaft starte“, erklärte Molitor in Richtung ihrer Konkurrentin, die am Sonntag einen Start in Offenburg geplant hatte, kurzfristig aber noch absagte.

Der Grund: Sie sah sich ohnehin vorne: „Alle Fakten sprechen für mich. Ich habe mit 64,96 Metern und 63,96 Metern zwei Weiten, die deutlich über Katharina Molitors Saisonbestleistung liegen.“ Anders ausgedrückt: Nach Molitors viertem Platz bei der EM wollte Obergföll nicht das Risiko eingehen, mit einem schwächeren Wettkampf Argumente gegen sich zu sammeln. Im Vorfeld der EM wäre es von Seiten des DLV richtig gewesen, mit den Athletinnen das Gespräch zu suchen und klarzumachen, welche Szenarien welche Folgen nach sich ziehen. Am allerbesten wäre es jedoch gewesen, die Athleten hätten schon im Vorfeld gewusst, welche Kriterien am Ende für eine Nominierung zu welchem Teil ausschlaggebend sind, meint

Daniel Becker

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Dafnes Festspiele

Dafnes Festspiele

Amsterdam, 10. Juli 2016

Die 23. Europameisterschaften sind Geschichte Aus der Masse starker europäischer Athleten stach eine Athletin heraus, die im Amsterdamer Olympiastadion ein Sprint-Feuerwerk nach dem nächsten zündete und sich abseits der Bahn als perfekte Repräsentantin der Leichtathletik präsentierte.

Dafne Schippers war der große Star der Europameisterschaften. Damit war zwar schon im Vorfeld zu rechnen gewesen, doch wie sich die 24-jährge Niederländerin in den Tagen von Amsterdam präsentierte, gab der europäischen Sprint-Queen noch einmal mehr Profil. Nicht nur lief sie ungefährdet zum Titel über 100 Meter und führte auch die 4×100-Meter-Staffel zum Sieg – sie zeigte, dass sie in der Lage ist, unter größtmöglichem Druck hervorragende Leistungen zu zeigen.

Während ohnehin alle niederländischen Athleten von den Fans im in Oranje getauchten Olympiastadion frenetisch begrüßt und angefeuert wurden, nahm der Feierrausch bei den Auftritten von Schippers noch einmal andere Dimensionen an. Doch mit der Begeisterung ging für die Sprinterin auch ein hoher Druck einher. Doch Schippers hat gezeigt, dass sie aus sportlicher Sicht die Last großer Erwartungen auf ihren Schultern tragen kann. Viel mehr noch aber zeigte sie auch im Umgang mit Fans, Konkurrentinnen und Medien einen tadellosen Umgang.

Das Beste Beispiel: Im Finale über 100 Meter verletzte sich die Britin Desiree Henry schwer und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht auf der Bahn liegen. Schippers hatte schon längst die niederländische Fahne aus von den Rängen entgegengenommen und wollte sich zur wohlverdienten Ehrenrunde aufmachen. Die Last nach dem erfolgreichen Titelgewinn war abgefallen, Schippers hatte allen Grund zum Feiern – und tat dies später auch ausgiebig. Ihr erster Weg führte allerdings zur verletzten Henry, erst als sich die Niederländerin vergewissert hatte, dass ihrer Konkurrentin die nötige Aufmerksamkeit des medizinischen Personals zu Teil wurde, setzte sie ihre Runde fort.

Dafne Schippers wird schon lange von den Leichtathletik-Fans geschätzt. Bei der EM in Amsterdam hat sie an Respekt noch dazu gewonnen.

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Daniel Becker