Author : redaktion

2018 ISTAF Berlin

Schwere Aufgabe

Köln, 24. Juli 2019

In anderthalb Wochen ist es so weit. Mit den Deutschen Meisterschaften im Berliner Olympiastadion steigt der nationale Höhepunkt des Leichtathletik-Jahres. Und selten war die Ungewissheit über den Ablauf der DM so groß wie in diesem Sommer. Das liegt an drei Dingen. Zum einen haben die Leichtathletik-Fans noch die Meisterschaften des vergangenen Jahres im Hinterkopf, das „Trauerspiel“ (Zitat von Alina Reh) in Nürnberg. Leere Ränge, schlechtes Wetter, fragwürdiges Rahmenprogramm. Auf der anderen Seite: Kurz darauf folgte die Traum-EM im Berliner Olympiastadion. Beeindruckende Zuschauermassen, ein straffer Zeitplan und gute Ideen der Veranstalter – allen voran die „Europäische Meile“ in der Innenstadt. Und dann ist da als dritter Punkt noch die diesjährige Integration der Deutschen Meisterschaften in die „Finals 2019“. Das (TV-) Konzept wird das Zünglein an der Waage sein. Der Erfolg der DM in Sachen Präsentation der Sportart wird in noch größerem Maße von der TV-Übertragung abhängen als sonst schon.*

Sicher scheint: Die „Finals 2019“ werden für die Leichtathletik eine Herausforderung. Die Sorge von Alina Reh, dass „die Nähe fehlen“ werde, ist sicher nicht unbegründet. Es wird spannend sein zu sehen, ob die Zuschauer das Sport-Wochenende in Berlin dennoch positiv aufnehmen – im Stadion und vor den Bildschirmen, meint

Daniel Becker

European Athletics U23 Championships 2019

Großes Versprechen

Köln, 17. Juli 2019

Es ist mittlerweile eine schöne Tradition, dass die deutschen Leichtathletinnen und Leichtathleten im Rahmen von U23­-Euro­pameisterschaften aufdrehen. Seit das russische Team aufgrund der Sperre durch den Weltverband IAAF nicht an Großereignissen in der Leichtathletik teil­ nehmen darf, dominiert das DLV­Team bei den Anfang 20­-Jährigen fast nach Belieben. Selbst das Team Großbritan­niens, das jenseits der U-­Klassen in Sachen Medaillenspiegel und Nationenwertung gerne mal die Nase vor der deutschen Mannschaft hat, zieht in der U23­Klasse regelmäßig den Kürzeren. Das mag daran liegen, dass nicht alle startberechtigten Stars der Briten an den Europameister­schaften teilnehmen, hat aber – gerade bei der zurückliegenden EM in Gävle – auch damit zu tun, dass eine junge deut­sche Generation von Athleten das Heft des Handelns in die Hand genommen hat, von der in Zukunft noch einiges erwartet werden darf. Niklas Kaul, Alina Reh und Bo Kanda Lita Baehre waren in den Tagen von Gävle die deutschen Aushängeschil­der eines auch in der Breite gut besetzten Teams. Aber sie sind nicht die Einzigen, die das Potenzial haben, bald in der Welt­ spitze ein gewichtiges Wörtchen mitzu­reden. Konstanze Klosterhalfen wäre in Gävle noch startberechtigt und gut für zwei weitere (Gold­)Medaillen gewesen, verzichtete aber auf einen Start, Gina Lückenkemper war für einen Einsatz zwar „schon“ zwei Monate zu alt, ist aber auch noch keine 23. Klingt alles nach einem gro­ßen Versprechen für die Zukunft, findet

Daniel Becker

Athletissima - Diamond League

Mühsam nährt sich…

Köln, 11. Juli 2019

Wir sind wieder mittendrin im Sportsommer. Die Frauenfußball-WM ist gerade vorbei, die Männer haben in Südamerika (Copa America) gekickt und kicken noch bis zum 19. Juli in Afrika (Afrika Cup). Währenddessen haben sich in der vergangenen Woche in Hamburg die Beachvolleyballer die Bälle um die Ohren gehauen und sind, ebenfalls in Hamburg, bei der Triathlon- WM Männer und Frauen geschwommen, geradelt und gelaufen, was das Zeug hielt. Dazu dreht sich seit vergangenem Samstag bei der Tour de France alles um Räder, die sich drehen. Sehen konnte und kann man das meiste davon auf den öffentlich-rechtlichen Sendern. Und das ist gut so. Den Auftrag, den Sport in seiner Vielfalt darzustellen, erfüllen die Anstalten aktuell fraglos.

Blöd nur, dass die Leichtathletik dabei gerade keinen Platz findet. Zwei Stunden vom Meeting in Ratingen – das war’s bislang. Klar: Die „Finals 2019“ stehen noch an, aber ohne Frage leidet die Leichtathletik aktuell unter dem späten WM-Termin Ende September/Anfang August. Die schönste TV-Zeit des Sommers ist dann schon vorbei. Trotzdem heißt es: Leichtathletikfans aufgepasst! Die U23-EM (11.–14.07.) kann im Livestream der EAA (www.european-athletics.org) verfolgt werden, die Universiade (noch bis 14.07.) ebenfalls online auf www.fisu.tv. Und für die Diamond League lohnt sich der Eurosport Player. Das alles kostet zwar etwas mehr Mühe (und beim Eurosport Player auch Geld), als bloß den Fernseher einzuschalten. Aber für die Leichtathletik lohnt sich das, findet

Daniel Becker

Soundtrack EAA Meeting in Tuebingen 22 06 2019 Helfer versuchen die Wassermassen zu beseitigen So

„Es ist Sommer …

Köln, 26. Juni 2019

…, egal ob man schwitzt oder friert.“ So lautet die Songzeile einer mittler­weile nicht mehr existierenden Kölner A­ capella-­Band. Und sie trifft wunder­ bar auf das vergangene Wochenende in Deutschland zu. Während mancher­orts schon die ersten Hitzevorboten die bislang heißeste Woche des Jahres einläuteten, herrschte andernorts Welt­untergangsstimmung – leider auch in Tübingen. Dort stand nach sintflut­artigen Regenfällen die gesamte Leicht­athletikanlage unter Wasser, es gab sogar einen Stromausfall. An Hochleistungs­sport war nicht zu denken, der „Sound­track“ wurde schließlich abgesagt. 16 Grad Außentemperatur (zum Vergleich: In Köln wurden parallel 29 Grad gemes­sen) waren da noch das geringste Pro­blem. Auch unser Leichtathletik­-Autor Ewald Walker, der vor Ort war, sprach davon, so etwas noch nicht miterlebt zu haben. Besonders bitter ist, dass der „Soundtrack“ das Zeug zum absoluten Vorzeige­-Meeting hat. Der Etat kann sich mehr als sehen lassen (nicht umsonst war die nationale und internationale Elite – unter anderem Hochsprungstar Mariya Lasitskene – nach Tübingen ge­reist), das Fernsehen hätte berichtet, die Zuschauer vor Ort wären mit sportlichen Topleistungen versorgt und auch musi­kalisch unterhalten worden. Die Absage tut also besonders weh.

Im Lied der ehemaligen Kölner Band heißt es ein paar Zeilen später: „Sommer ist, wenn man trotzdem lacht.“ Das ist wohl das Motto der Stunde, meint

Daniel Becker

ATHLETICS-QAT-IAAF-DIAMOND

Was ist eigentlich mit…?

Köln, 18. Juni 2019

Haben Sie schon einmal von dem Begriff „Whataboutism“ gehört? Falls nicht, sei er hier kurz erklärt: Er bezeichnet eine Gesprächstechnik, die von Kritik an der eigenen Sache ablenken und auf Missstände auf Seiten des Kritikers hinweisen soll. Als Beispiel eine Aussage, die der eine oder andere vielleicht aus den eigenen vier (Kinderzimmer-)Wänden kennt: „Warum soll ich mein Zimmer aufräumen, wenn mein Bruder seine Hausaufgaben noch nicht gemacht hat?“ Beide Dinge haben so gar nichts miteinander zu tun, doch manchmal funktioniert es, auf diese Weise den Gerechtigkeits- sinn der Entscheider – in diesem Fall der Eltern – anzusprechen und in der Folge glimpflich davonzukommen.

Mal sehen, wie es beim aktuellen „Whataboutism“-Beispiel der Leichtathletik läuft: Die IAAF solle sich lieber um Dopingsünder kümmern, als sich mit der Sache der hyperandrogynen Athleten zu beschäftigen, hat Caster Semenya in der vergangenen Woche gesagt. Semenya ist aktuell die weltweit am meisten beachtete Athletin unserer Sportart, und egal, ob man es in der Sache nun mit ihr hält oder nicht: Der Druck, den die Südafrikanerin in den letzten Wochen, Monaten und, ja, Jahren, aushalten muss(te) ist so hoch, dass niemand mit ihr tauschen möchte. Und so kann man ihr ihren ganz persönlichen Fall von „Whataboutism“ auch schnell verzeihen. Nicht jedoch ohne zu betonen, dass die dringende Klärung unterschiedlicher Sachverhalte nicht gegeneinander aufgewogen werden sollte, meint

Daniel Becker

ATHLETICS-SUI-DIAMOND

Echte Emotionen

Köln, 12. Juni 2019

Es ist kein Geheimnis, dass Mariya Lasitskene eine Athletin ist, die – vorsichtig ausgedrückt – nicht zu großen Gefühlsausbrüchen neigt. Selbst nach erfolgreich absolvierten Zwei-Meter- Sprüngen kann man aus ihrem Gesicht nur selten emotionale Regungen ablesen. Über eine Sache aber ärgert sich Lasitskene schon seit Längerem. Dass nämlich nach Siegen bei internationalen Großereignissen für die unter dem Etikett „neutrale Athletin“ startende Russin nicht die Nationalhymne ihres Heimatlandes gespielt werden darf. Wer die EM-Siegerehrung auf dem Breitscheidplatz im vergangenen Jahr beobachten durfte, konnte sich davon aus nächster Nähe überzeugen. Vielleicht hat auch der Gedanke daran, dass ihr Gleiches bei der Wüsten-WM in Katar wieder blühen dürfte, die Hochspringerin dazu veranlasst, sich kritisch in Richtung der russischen Leichtathletik- Verantwortlichen zu äußern. Denn der Russland-Bann der IAAF hält, auch das eine Erkenntnis der vergangenen Tage, weiter an – und Lasitskene wird es langsam zu viel. Am Wochenende forderte sie den Rücktritt ihres Verbandschefs und aller Trainer in ihrem Heimatland, die den Kampf gegen Doping nicht an- nehmen (mehr dazu auf Seite 8). Die sportpolitischen Bemühungen, Russland wieder unter fairen Bedingungen in die Leichtathletik-Familie zu integrieren, tragen bislang kaum Früchte. Die Äußerungen der erfolgreichsten russischen Leichtathletin könnten die Emotionen jedoch in Wallung bringen, meint

Daniel Becker

IAAF Diamond League - Doha 2019

Korrekturschleife

Köln, 5. Juni 2019

Nun also doch wieder eine Wendung im Fall Semenya. Das Schweizerische Bundesgericht hat die vor Kurzem eingeführte Regel des Leichtathletik- Weltverbands, Hormonwerte zu regulieren, außer Kraft gesetzt (mehr dazu auf S. 3). Semenya dankte dem Gericht in einer ersten Stellungnahme: „Ich hoffe, dass ich nach meinem Einspruch wieder in der Lage sein werde, frei zu laufen“, sagte die mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin über 800 Meter. Das dürfte allerdings alles andere als einfach werden. Denn abgeschlossen ist der Fall mit dem neuen Gerichtsbeschluss noch längst nicht. Das IAAF-Reglement sei „vorerst“ nicht im Fall Semenya anzuwenden, erklärte ein Gerichtssprecher. Der Rest bleibt offen. Die „superprovisorische“ Anordnung, die hier zum Tragen kam, steht im schweizer Juristensprech für eine Verfügung, die ohne Anhörung der Gegenseite wirksam wird. Die IAAF muss sich nun bis zum 25. Juni äußern. Im Vorfeld des CAS-Urteils vor einigen Wochen hatte der Weltverband angekündigt, die Entscheidung des Sportgerichtshofes zu akzeptieren – egal, wie sie aus- fallen würde. Man darf gespannt sein, wie Coe und Co. nach der neuerlichen Wendung reagieren. Sicher dürfte sein, dass beide Seiten den Fall bis zu den Weltmeisterschaften in Doha gerne endgültig geklärt haben möchten. Gut möglich aber, dass das Bundesgerichts- Urteil nicht die letzte Wendung in der Causa Semenya war, meint

Daniel Becker

Shanghai - 2019 Diamond League

Unglaubliches Niveau

Köln, 22. Mai 2019

Die Sommersaison ist gerade einmal zwei Diamond-League-Meetings und ein paar Regionalveranstaltungen alt, doch schon jetzt lässt sich feststellen, dass in diesem Jahr alles anders ist als im Vorjahr.

2018 war ein Jahr ohne Weltmeisterschaften und ohne Olympische Spiele. Vielen Protagonisten aus Übersee, die eben nicht die Möglichkeit hatten, auf die Europameisterschaften in Berlin zu schielen, merkte man das auch an. Nun, im Mai 2019, scheint es manchen gar nicht schnell genug gehen zu können, sich mit Topleistungen im Rampenlicht zurückzumelden. Über 100 und 200 Meter blieben mit Noah Lyles und Christian Coleman in Shanghai zwei Athleten schon deutlich unter 9,9 Sekunden. Ähnlich ist die Situation über 200 Meter. Über die 400 Meter laufen die Pro- tagonisten auf so hohem Niveau, dass Jan Kowalski, Direktor des Diamond-League- Meetings in Stockholm, offen davon spricht, dass beim Meeting am 30. Mai der Fabelweltrekord von Wayde van Niekerk (43,03 sec) fallen könnte. Im Fokus dort steht vor allem Shootingstar Michael Norman. Auch Diskuswerfer und Kugelstoßer lassen längst die Muskeln spielen.

Und die deutschen Athleten? Sind zu einem großen Teil noch nicht eingestiegen. Die Saison ist lang, und während anderswo schon gelaufen, geworfen und gesprungen wird, was das Zeug hält, halten viele hierzulande ihre Körner noch beisammen. Dennoch: Wer auf eine WM-Medaille im Oktober schielt, der wird die aktuelle Entwicklung wahrscheinlich mit hochgezogenen Augenbrauen verfolgen, meint

Daniel Becker

2018 Spitzen Leichtathletik Lucern Athletics Jul 9th

Schwierige Planung

Köln, 14. Mai 2019

Am Samstag ist es so weit – mit den Speerwerfern starten die deutschen Vorzeige- Leichtathleten beim Meeting der Diamond League in Schanghai in den WM-Sommer. Olympiasieger und Europameister Thomas Röhler, Weltmeister Johannes Vetter und der EM-Zweite und amtierende Deutsche Meister Andreas Hofmann, sie alle sind in China am Start und treffen dort auf ein Feld internationaler Topathleten, die genauso (mit Ausnahme der zwei chinesischen Starter) auch glatt im WM-Finale im Oktober um den Titel kämpfen können. Klingt, als würde uns das ersten Highlight der technischen Disziplinen in diesem Jahr bevorstehen. Alles gut also? Fast.

Ein Problem gibt es da nämlich, und das macht vor allem Sorge, weil es von einem artikuliert wird, der schon mehrfach bewiesen hat, Athleten auf den Punkt fit machen zu können – von Speerwurf-Bundestrainer Boris Obergföll. Der Zeitpunkt der WM sei „sehr ungünstig gewählt“, sagt der im Gespräch mit Leichtathletik (mehr auf den Seiten 6 und 7) und denkt dabei natürlich auch an die kurze Zeit später stattfindenden Olympischen Spiele und damit an eine weitere schwierige Vorbereitung. Die Speerwerfer sind im Vergleich zu anderen Leichtathleten das ganze Jahr über viel im Einsatz. Die Angst vor Abnutzungserscheinungen in diesem langen WM-Sommer scheint real zu sein. Hoffen wir für die deutsche Leichtathletik, dass der Bundestrainer im Zusammenspiel mit den Heimtrainern einen Weg findet. Bisher hat auch das in keiner deutschen Disziplin so gut funktioniert wie im Speerwurf, meint

Daniel Becker

IAAF Diamond League - Doha 2019

Verheerendes Urteil

Köln, 9. Mai 2019

Es ist fast genau ein Jahr her, in Ausgabe 18/2018, da hieß es an dieser Stelle: „‚Falscher‘ gibt es nicht“. Damals hatte der Weltverband die sogenannte Testosteron- Regel eingeführt, gegen die die südafrikanische Läuferin Caster Semenya im Anschluss Einspruch eingelegt hatte. Und im Editorial stand geschrieben, dass jede Lösung des Problems unzureichend ist – eine bestimmte Lösung aber undenkbar sein sollte. Die nämlich, hyperandrogene Athletinnen dazu zu zwingen, sich einer hormonellen Behandlung zu unterziehen – wenn sie denn weiter, wie im Falle Semenyas, über ihre bisherige Strecke an den Start gehen wollen. Genau dazu ist es jetzt aber gekommen. Die Reaktionen sind vielfältig, auffällig ist aber, dass sich viele Sportler bedeckt halten. Man kann sich jedoch vorstellen, dass es nur wenige direkte Konkurrentinnen von Semenya geben wird, die über die Entscheidung unglücklich sind. Und man kann das auch nachvollziehen. Ebenso, wie man die Kritik von Balian Buschbaum und anderen verstehen kann, die die Situation Semenyas mit der anderer Athleten vergleichen, die aufgrund körperlicher Vorteile ihren Sport dominierten (Seite 3). Den Kern des Problems treffen aber beide Standpunkte nicht. Der ist nämlich, dass Sportlerinnen wie Semenya nun dazu gezwungen werden (wenn sie denn die Ausweichmöglichkeiten nicht wahrnehmen wollen), negatives Doping zu betreiben. Das war vor einem Jahr der Hauptgrund, die IAAF-Entscheidung zu kritisieren, und ist es auch heute noch in Bezug auf das CAS-Urteil, meint

Daniel Becker