Eine EM zur richtigen Zeit
Doch bei Großveranstaltungen im Sport ist auch die beste Planung nur die halbe Miete, ohne große sportliche Momente kann man keine Euphorie entfachen – weder bei den Zuschauern im Stadion noch bei denen vor den TV-Bildschirmen. Und so grandios die Heim-WM 2009 war, in der aktuellen Situation hat es für die deutsche Leichtathletik keinen weltweiten, sondern einen kontinentalen Vergleich gebraucht. Ein Ereignis, bei dem jeden Abend Medaillen möglich sind, bei dem sich die Athleten nicht der teilweise übermächtigen Konkurrenz von der anderen Seite des Atlantiks gegenübersehen, ein Ereignis, bei dem auch mal 8,13 Meter für Weitsprung-Silber und 63 Meter für Diskus-Silber reichen können. Und fast immer, wenn sich den deutschen Athleten die Chance bot, nutzten sie sie, lieferten reihenweise Saisonbestleistungen und sorgten insgesamt für ein überragendes Abschneiden bei der Heim-EM.
Dazu kamen die immer wieder eingestreuten internationalen Weltklasseleistungen. Es bedarf keiner Glaskugel, um vorhersagen zu können, dass Athletinnen bzw. Athleten wie die britische Sprinterin Dina Asher-Smith, die dreimal Gold mit nach Hause nehmen durfte, oder der junge Norweger Jakob Ingebrigtsen die Leichtathletik im kommenden Jahrzehnt auch im weltweiten Vergleich mitbestimmen werden. Und dann war da natürlich am Abschlusstag noch der Stabhochsprung der Männer, mit einem unglaublichen Renaud Lavillenie, einem überragenden Timur Morgunov und einem Armand Duplantis wie vom anderen Stern. Die rund zwei magischen Wettkampfstunden von Berlin werden nicht nur als bester Wettbewerb dieser Disziplin bei allen Großereignissen in die Geschichte eingehen, sondern als der vielleicht beste Stabhochsprung-Wettbewerb, den es überhaupt je gegeben hat. Und er fand, wie alle anderen Wettkämpfe auch, in einem würdigen Rahmen in einem Olympiastadion statt, das man sich nun weniger denn je ohne blaue Laufbahn vorstellen kann, und vor einem Publikum, das nicht nur die Leistungen der eigenen, sondern auch die aller anderen Athleten zu würdigen wusste.
Die 24. Leichtathletik-Europameisterschaften waren die besten der Geschichte. Sie haben gezeigt, dass die Leichtathletik mit ihrer Vielfalt begeistern kann. Umso bitterer ist es,dass der Sportart nun ein Problemjahr bevorsteht. Nach der Emotion droht die Depression, denn 2019, das ist Doha, Katar. WM in der Wüste. Emotionen adé.
Die Leichtathletik muss das Jahr 2019 überstehen, danach folgt ein Olympiajahr, und in dem ticken die Uhren auch in Deutschland noch immer etwas anders. Es ist dann nicht immer „Viertel vor Fußball“. Und in vier Jahren kommt hoffentlich auch die nächste Ausgabe der European Championships. Die dürfen dann gerne komplett in Berlin stattfinden – und die Leichtathletik im Berliner Olympiastadion darf erneut als „Lokomotive“ dienen.