Author : redaktion

IOC chief Bach, Japan PM Suga Japanese Prime Minister Yoshihide Suga (R) and International Olympic Committee President

Voreilig

Köln, 17. November,

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Mutes haben sich IOC-Präsident Thomas Bach und der japanische Ministerpräsident Yoshihide Suga bei einem Treffen in Tokio der Öffentlichkeit präsentiert. Handrücken an Handrücken posierten die beiden mit Mund-Nasen-Schutz, um mitzuteilen, dass die Planungen für Olympia normal vonstattengehen. Eine Szene, die zeigen soll, dass die mächtigen Männer an der Spitze des Ringe-Ordens die Lage im Griff haben. Haben sie natürlich nicht. Die Pandemie richtet sich weder nach dem IOC, noch lässt sie sich in irgendeiner Form planen. Athletinnen und Athleten sollen geimpft werden, auch mit Zuschauern wird geplant. Ich kann die Situation in Tokio nicht beurteilen, da ich nicht vor Ort war, aber offenbar ticken die Uhren dort etwas anders. Dazu passt die Aussage von Suga, die Spiele sollten als Beweis stattfinden, dass „der Mensch das Virus besiegt hat.“ Wow. Sind wir wirklich schon so weit? Offenbar lassen sich die Verantwortlichen durch die vagen Impfstoff-Versprechungen so sehr beflügeln, dass die Realität dabei zunächst mal außer Acht gelassen wird. Man wolle zudem zusehen, dass die Athleten allesamt geimpft werden. Eine Wunschvorstellung des IOC und der japanischen Regierung, der gewiss nicht jeder Sportler nachkommen wird. Was droht, ist das gleiche Unheil wie in diesem Jahr. Bis zum letztmöglichen Zeitpunkt (oder sogar darüber hinaus) wird eine heile Welt vorgespielt, ehe die Situation neutral bewertet wird. Wäre schön, wenn Bach und Co. dieses Mal weiser entscheiden würden. Hofft,

Jonas Giesenhagen

Rottenburg 03.05.2020 Leichtathletik: Der Hochspringer Lukas Gaertner (re, TV Rottenburg) fixieren mit Trainer, Jonas Ne

Falsches Signal

Köln, 3. November,

Liebe Leserinnen und Leser, in der letzten Woche habe ich an dieser Stelle geschrieben, die Saison 2020 sei nun abgehakt. Das trifft aus sportlicher Sicht zu, nun hat die Bundesregierung allerdings auch den sportpolitischen Haken druntergesetzt. Seit dem 2. November ist Amateursport untersagt. Ob Fußball, Tennis oder eben Leichtathletik. Die Konzepte sind nichts mehr wert und müssen sich dem Ausmaß der Corona-Pandemie beugen. Für mich ein falsches Signal. Während Schülerinnen und Schüler dicht an dicht gedrängt in überfüllten Bussen zur Schule fahren, um dort nah beieinander zu sitzen und sich zu unterkühlen, weil Stoßlüftung vorgeschrieben ist, dürfen sie am Nachmittag nicht mehr in der freien Luft Sport miteinander treiben. Und das, obwohl Verbände und Vereine mühevolle Konzepte entwickelt haben (die im übrigen auch jetzt noch mit gleicher Wirksamkeit greifen würden). Einschränkungen, so ist meine Meinung, sind richtig und wichtig. Dort, wo sie Sinn machen. In Stadien, bei großen Privatfeiern und je nach Konzept und Ermessen sicherlich auch in einigen Einrichtungen. Aber warum wird dort angepackt, wo sich Menschen in detaillierter Kleinstarbeit über Wochen hinweg Gedanken gemacht haben, damit so etwas nicht noch mal passiert?! Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sollten dieses verdammte Virus mit jeder uns zur Verfügung stehenden Macht eindämmen. Ich bin mir auch sicher, dass dabei jeder anpacken würde, wenn einige Maßnahmen nicht so weit hergeholt erschienen. Dann nun eben nach dem Motto „jetzt erst recht“. Zusammenhalten, durchhalten, bald wieder Sport machen. ­Abwartende Grüße,

Jonas Giesenhagen

Symbolbild Absage oder Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio 2020 wegen Coronavirus, Sars-CoV-2, Covid-19,

Abgehakt

Köln, 27. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser, aus sportlicher Sicht ist das Jahr vorbei. Aus vielen Gesprächen mit Athletinnen und Athleten erfahre ich, dass 2020 nun endgültig abgehakt ist. Wettkämpfe finden mit wenigen Ausnahmen ohnehin keine mehr statt, aber auch das Trainingspensum haben einige der Leichtathleten extrem runtergefahren. Ein möglicher zweiter Lockdown droht. Nachdem die Olympischen Spiele abgesagt worden waren, musste der Fokus neu gelegt werden. Wurde er. Doch jetzt sind wir in einer Phase, in der man darüber grübeln muss, worauf man den Fokus eigentlich legt. Olympia? Rückt in der aktuellen Situation wieder in die Ferne. Zumindest, darüber sind sich in der Branche viele einig, wird es kein Olympia geben, wie wir es kennen. Ich denke, die Hoffnung darauf, dass im Nationalstadion zu Tokio im Sommer 80.000 Menschen dicht an dicht gedrängt sitzen, sollten wir allmählich aufgeben. Was aus den Gesprächen mit den Athleten noch rauszuhören ist? Eine Entscheidung muss her! Natürlich gibt es auch die Gruppe, die das Pensum runterschraubt und ganz entspannt abwartet, was die mächtigen Männer entscheiden. Das kann aber nicht jede/r. Schon allein aus finanziellen Gründen. Daher, liebes IOC, wartet bitte nicht wieder bis kurz vor knapp. Zurzeit kann niemand absehen, wie sich die Situation bis zum Sommer entwickelt, aber es können und sollten im Hintergrund Konzepte entwickelt werden. Ans Jahr 2020 können wir einen Haken machen. Hoffentlich müssen wir 2021 nicht auch frühzeitig
abhaken. Meint,

Jonas Giesenhagen

July 21, 2020, Tokyo, Japan: Olympic Rings displayed on a wall inside Japan Olympic Museum..Due to the Covid-19 outbreak

Olympi-Ja!

Köln, 20. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser, als die Olympischen Spiele vor einigen Monaten verlegt wurden, sind wir alle noch vom Besten ausgegangen. Diese Pandemie, die werden wir bestimmt bald hinter uns lassen, und dann geht alles seinen geregelten Gang weiter – Pustekuchen. Längst sind wir in einer Phase, in der wir darüber nachdenken müssen, ob die Veranstaltung 2021 in Tokio überhaupt stattfinden kann. Ich schließe mich den immer mehr werdenden Stimmen an, die sagen: „Sie muss stattfinden!“ Dabei kann und darf es nicht um Geld und Vermarktung gehen, nicht darum, ob Fans zuschauen oder ins Olympia­stadion dürfen, sondern einzig und allein um die Athleten. Alle Sportlerinnen und Sportler mussten ihre Planungen um ein Jahr verschieben, 2021 brauchen sie diesen besonderen Höhepunkt. Andernfalls vergehen mindestens zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen Athleten älter werden, unter Umständen ihre Form verlieren. Es kann für die Athleten nicht gesund sein, den Fokus, die Planungen ständig neu ausrichten zu müssen. Das Internationale Olympische Komitee hatte und hat noch genug Zeit, um entsprechende Konzepte zur Durchführung ­Olympischer Spiele umzusetzen. Die Pandemie kann keine Ausrede mehr sein. Es wird sich zeigen, ob das IOC gewillt ist, die Spiele unter jeglichen Umständen stattfinden zu lassen. Möglichkeiten gibt es sicherlich genug – auch wenn der Ringe­orden dafür möglicherweise auf viel Geld verzichten muss. Wir werden sehen, ob es den mächtigen Männern nur darum geht, oder ob die Interessen von Sportlern eine Rolle spielen. Meint

Jonas Giesenhagen

Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften; Braunschweig, 08.08.2020 Mit Maske: Trainer Dierk Feyerabend (links) und sein S

Jetzt wird es unangenehm

Liebe Leserinnen und Leser,
glauben Sie, mir macht es Spaß, hier jede Woche von steigenden Infektionszahlen zu schreiben? Ich würde dieses Thema, genau wie Sie, endlich gerne hinter mir lassen. Kann ich aber nicht, wenn man ständig durch das Masketragen und nahezu in jedem Gespräch an das Thema Corona erinnert wird. Besser hat es der Sport gemacht. In den letzten Monaten konnten die Leichtathletik, der Fußball und auch die Tennis-Tour der Damen und Herren das Thema beiseite schieben. Man hatte den Eindruck, der Sport erschafft sich seine eigene Welt. Häufig war es ja auch so. Um jegliches Risiko zu vermeiden, waren die Sportler zeitweise in einer „Bubble“. Sie sahen sich also nur untereinander, durften Hotels nicht verlassen und wurden regelmäßig getestet. Und jetzt? Ich glaube nicht, dass der Sport so unbeschadet durch den Winter kommt. Das heißt nicht, dass nun jeder Sportler gleich an COVID-19 erkrankt, wohl aber, dass der Sport sich nicht so einfach seine eigene Welt bauen kann. Uns betrifft das in der Leichtathletik weniger, da Wettkämpfe im Winter selten sind. Wer blickt da noch durch, wenn in Köln – einer Stadt, die als Risikogebiet eingestuft wurde – ein Tennisturnier mit 1.000 Zuschauern ausgetragen wird und gleichzeitig eine Reisewarnung für eben diese Region besteht? Auf Athleten werden noch mehr (Reise-)Strapazen zukommen, es wird Absagen in letzter Sekunde geben und die Planbarkeit geht gegen Null. Klingt blöd, aber derzeit sollten wir uns freuen, dass die Saison in der Leichtathletik vorbei ist. Meint,

Jonas Giesenhagen

(201005) -- BEIJING, Oct. 5, 2020 -- Eliud Kipchoge (C, Front) of Kenya competes in the Elite Men s Race at the London M

Wo laufen sie hin?

Köln, 6. Oktober

Liebe Leserinnen und Leser, wir kommen wieder in eine Phase, wie wir sie schon vor einigen Monaten erlebten. Steigende Infektionszahlen, kein Sport in der Leichtathletik. Dieses Mal, so scheint es zumindest, zum Glück unter etwas anderen Vorzeichen. Nicht (nur) Corona bremst unseren Sport aus, sondern auch der nahende Winter. Sprinten macht bei fünf Grad Celsius genauso wenig Spaß, wie währenddessen auf der Tribüne zu sitzen. Daher stellt sich die Frage nicht, ob man die „Late Season“ noch weiter hätte künstlich in die Länge ziehen können. Mein Wunsch ist, dass wir jetzt denen die Aufmerksamkeit schenken, die uns noch Hochleistungssport bieten. Damit meine ich weniger die Herren Robert Lewandowski und Mats Hummels, sondern Melat Kejeta, Amanal Petros und Eliud Kipchoge. Die Marathonläufer hatten ein hartes Jahr. Mussten sie doch am längsten darauf warten, dass Konzepte für ihren Sport genehmigt wurden. Jetzt erst, im Herbst, wo alles andere vorbei ist, dürfen auch die Marathonis wieder auf die Strecke. Doch man fragt sich: Wo laufen sie hin? Eher nicht in die TV-Bildschirme, eher abseits der Öffentlichkeit. Aber doch bitte nicht unter dem Radar! Für uns rückt der Marathon jetzt in den Fokus. Darüber, wie die Saison noch verlaufen könnte, haben wir mit Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig gesprochen, in der kommenden Ausgabe folgt ein Exklusiv-Gespräch mit Petros, der das deutsche Aufgebot für die Halbmarathon-WM am 17. Oktober im polnischen Gdynia anführt. Die Frauen und Männer verdienen unsere Aufmerksamkeit! Meint

Jonas Giesenhagen

Leichtathletik, Deutsche Leichtathletik-Hallenmeisterschaften2020 , Hallen DM 2020 , 22.-23.02.2020, Arena Leipzig, Mary

Doppelt hält besser

Köln, 22. September

Liebe Leserinnen und Leser, in dieser Doppelausgabe haben wir 24 starke Seiten für Sie im Angebot. 24 Seiten, die wir eigentlich mit Rückblicken auf die Olympischen Spiele in Tokio und die Leichtathletik-EM in Paris zu füllen gewusst hätten. Daraus wurde, wie wir mittlerweile alle wissen, nichts. Eine kurze Saison hatten wir ja trotzdem. Grund genug, um mit DLV-Chefbundestrainerin Annett Stein Bilanz zu ziehen. Und diese fällt gar nicht mal so schlecht aus. Überzeugen Sie sich selbst auf den Seiten sechs und sieben. Statt Olympia-Rückblick nun der Blick nach vorne ins Jahr 2021. Frau Stein glaubt nicht, dass wir dann in Tokio gewohnte Olympische Spiele erleben können. Sehr wohl aber, dass diese durchaus stattfinden. Ebenfalls viel Hintergründiges bietet unser Interview mit Max Heß. Beim ISTAF sorgte er neben Christian Taylor noch für Spektakel, im Gespräch mit meinem Kollegen David Stoll wurde es dann teilweise auch emotional. Rückschläge, langwierige Verletzungen – Heß hat einiges durchgemacht. Wünschen wir ihm, dass ihn das Verletzungspech nicht weiter verfolgt. Am Produktionsende dieser Ausgabe bleibt eine Erkenntnis: Es war kein Problem, auch in einer einigermaßen wettkampfabstinenten Zeit diese Doppelausgabe zu füllen. Im Gegenteil: Sie bietet viel mehr Raum für Geschichten, die sonst nicht den Platz finden, um erzählt zu werden. Oder hätten Sie gewusst, welche Aufgaben die Laufbahnberaterinnen an einem Olympia­stützpunkt haben? Auf den Seiten 14 und 15 erfahren sie es. Viel Spaß beim Lesen wünscht

Jonas Giesenhagen

Leichtathletik Berlin 13.09.2020 ISTAF Berlin Max Heß (GER) Hess Dreisprung *** Athletics Berlin 13 09 2020 ISTAF Berlin

Wir können Krise

Köln, 15. September

Liebe Leserinnen und Leser, diese Saison hätte schlimmer kommen können. Ich hatte sie schlimmer erwartet. Damit beziehe ich mich überhaupt nicht auf sportliche Leistungen, sondern schlicht auf die Umsetzung sportlicher Wettkämpfe. „Da sind wir mit einem blauen Auge davongekommen“, bilanzierte DLV-Präsident Jürgen Kessing im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Recht hat er. „Es war wichtig, dass unsere Sportart auch Krise kann.“ Krise konnte die Leichtathletik wirklich gut. Dank Konzepten, Hygiene- und Abstandsregelungen. Gerade die Leichtathletik, also der Sport, bei dem wohl anteilig die meisten Athleten zum selben Zeitpunkt im Stadion oder zumindest in unmittelbarer Nähe sind. Ging trotzdem gut. So hatten wir immerhin noch eine Deutsche Meisterschaft und zum ­Abschluss des nationalen Sportjahres das ISTAF mit 3.500 Zuschauern. Das ist die eine Seite. Dann kommen die Sportler. Ich habe niemanden erlebt, der durch die Corona-bedingte Pause plötzlich viel langsamer war, plötzlich nicht mehr werfen oder springen konnte. Im Gegenteil. Der 97-Meter-Wurf von J­ohannes ­Vetter in einer wohlgemerkt technischen Disziplin, die in der Lockdown-Phase kaum zu trainieren war, ist nicht nur ein Statement, sondern auch ein Symbol für die professionelle Einstellung der ­deutschen Athleten, die auch während der Corona-Hochphase ihre eigenen Trainings­wege gefunden haben. Diese sportlichen Leistungen sind die andere Seite. Beide zusammen haben es ermöglicht, das Beste aus dieser Saison rauszuholen.
Danke sagt

Jonas Giesenhagen

 

The Skolimowska Memorial Continental Tour Gold meeting in Chorzow Johannes Vetter The Skolimowska Memorial Continental T

Weiter, immer weiter

Köln, 8. September 2020

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Johannes Vetter ist in dieser Saison ein mehr als gefragter Gesprächspartner. Nach der Corona-Pause gewann der Mann der LG Offenburg sieben von acht Wettkämpfen und ließ die Konkurrenz oftmals meterweit zurück. In unserem Gespräch am Freitag hat er mich hinter die Kulissen seines Erfolgs blicken lassen und unter anderem davon berichtet, wie er mit Druck umgeht. Außerdem ging es um sein Fernziel – den Weltrekord. Als wir sprachen, war die Bestmarke von Jan Zelezny aus dem Jahr 1996 (98,48 m) für den deutschen Meister noch mehr als vier Meter weit entfernt. Vetters Bestleistung lag seit 2017 bei 94,44 Metern. Doch nur zwei Tage später änderten sich die Verhältnisse. Mit grandiosen 97,76 Metern hat der 27-Jährige am Sonntag im polnischen Chorzow seine alte Bestweite und damit auch den deutschen Rekord um satte 3,32 Meter übertroffen. Plötzlich ist er dem Weltrekordwurf des Tschechen Zelezny bis auf 72 Zentimeter nahegekommen. Jetzt sind sogar die „heiligen“ 100 Meter wieder ein Thema. Diese hat mit Uwe Hohn erst ein einziger Werfer in der Geschichte übertroffen. 104,80 Meter warf der Deutsche 1984 damals noch den alten Speer im Berliner Jahnstadion. Nun lässt Johannes Vetter mit seinen herausragenden Leistungen Sport- und Speerwurf-Fans wieder von den 100 Metern träumen. Auch wenn der Speerwerfer in diesem Sommer als einziger „Über-90-Meter-Werfer“ weltweit eine einsame Show bietet, ist diese Show doch ähnlich faszinierend wie Armand Duplantis‘ Annäherungen an den Freiluft-Weltrekord, meint

David Stoll

Annegret Hilse_imago0007379728h

Mut zur Schwäche

Köln, 1. September 2020

Liebe Leserinnen, liebe Leser. Als 16-Jähriger stand ich eine Saison lang im Tor meiner Dorfmannschaft. Wir spielten in einer unterklassigen Liga, in welcher sich die Zuschauer vorwiegend aus Kühen der benachbarten Wiese und gelangweilten Eltern zusammensetzten. Trotzdem war ich durch meine neue Aufgabe vor jedem Spiel so nervös, dass ich nicht schlafen konnte.
Ich kann mir nicht ausmalen, wie es sein muss, unter wirklichem Erfolgsdruck zu leiden. Wie es ist, den Atem von Sponsoren, Managern und Social-Media Beratern im Nacken zu spüren. Wenn es nicht um die Unterhaltung von einer Hand voll Eltern und Wiederkäuern am Spielfeldrand geht, sondern um ganze Existenzen. Eine, die sich das ausmalen kann und es selbst erlebt hat, ist Sabrina Mockenhaupt.
Die mittlerweile 39-jährige Ex-Langstreckenläuferin konnte in ihrer Karriere über 40 (!) mal die deutschen Meisterschaften gewinnen. Doch wie eine Gewinnerin fühlte sie sich deswegen trotzdem nicht immer. Permanenter Leistungsdruck und Stress waren ihr ein ständiger Begleiter, psychische Probleme und der jahrelange Griff zu Tabletten die Folge.
Auch Sportlegenden außerhalb der Leichtathletik wie Olympia-Schwimm-Champion Michael Phelps kennen diese Gefühle. „Warum bin ich nicht schon zehn Jahre früher zur Therapie gegangen?“, fragt er sich heute. Die Antwort ist einfach: Er hatte Angst. Angst, nicht mehr als großer Sportler sondern als Mensch mit Schwächen wahrgenommen zu werden. Doch genau das sind wir: Menschen mit Schwächen. Und nur die Größten haben den Mut, diese auch offen zu zeigen. In diesem Sinne,

David Stoll