Tag : Leichtathletik

Deutsche Leichtathletik-Hallenmeisterschaften; Dortmund, 28.02.2026

Newcomer & Herausforderungen

Köln, 3. März

Liebe Leserinnen und Leser,
drei Tage lang lud Dortmund Athleten wie Fans in die Helmut-Körnig-Halle ein. Zum 15. Mal fanden dort die Deutschen Hallenmeisterschaften statt – die Stadt im Ruhrgebiet ist ein Ort, der sich für die Ausrichtung nationaler Leichtathletik-Titelkämpfe längst bewährt hat. Da kam die Nachricht vorab nicht verwunderlich: Die Wettkämpfe am Samstag wie Sonntag werden vor ausverkauftem Hause stattfinden. Und die Halle war durchaus gut gefüllt, am zweiten Wettkampftag aber wohl doch weniger als am dritten. Das lag vielleicht auch daran, dass zum einen der öffentliche Nahverkehr streikte und zum anderen am Abend nur wenige Meter entfernt das Topspiel der Fußball-Bundesliga zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München stattfand. Das machte sich leider auch negativ bemerkbar: Insbesondere die Parkplatzsituation vor Ort war – sagen wir es mal so: nicht ideal. Die Leichtathletik stand im Vergleich zum Fußball hinten an. Am Sonntag, dem dritten Wettkampftag, war dieses Problem nicht gegeben – und auch die Atmosphäre in der Halle war besser. Was auch daran lag, dass Läufer Max Thorwirth einmal mehr einen Stimmungsblock imitierte. Dieser zündete das Publikum an – und dieses wiederum durfte etwa den neunten Hallentitel von Weitsprung-Ass Malaika Mihambo, den dritten 400-Meter-Coup von Youngster Johanna Martin und das erste Hochsprung-Gold von Falk Wendrich (im Alter von 30 Jahren) bejubeln.
Es sind bei der diesjährigen Hallen-DM neben ein paar Ausnahmeleistungen, allen voran durch Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye, insbesondere vergleichsweise unbekannte Namen, die für Aufsehen sorgen. Im gleichen Atemzug muss man auch festhalten, dass in mehreren Disziplinen höchstens mittelmäßige Leistungen geboten wurden – ein Negativbeispiel ist etwa der Stabhochsprung der Männer. Dafür hat sich mit Peter Osazee im Dreisprung ein Newcomer behauptet, der eines Tages eine einseitige Disziplin vielleicht etwas durchmischen kann. Im Sprint der Männer war es eng wie selten, im Hürdensprint der Frauen hat Marlene Meier die Erwartungen erfüllt. Und Sprint-Youngster Philina Schwartz hat in Dortmund ohnehin gezeigt: Ihre Leistungen der vergangenen Wochen waren kein Zufall. Es ist eine Freude, der 19-Jährigen beim eine Freude, der 19-Jährigen beim Sprinten zuzuschauen!

Alexander Dierke

GER, Leichtathletik, Athletics, Erfurt Indoor, 13.02.2026

Im Rampenlicht

Köln, 24. Februar

Liebe Leserinnen und Leser, es ist mal wieder so weit: Die Deutschen Hallenmeisterschaften ­ stehen bevor und damit die nationale Abrechnung des Winters. Ich persönlich freue mich immer, wenn die Titelkämpfe in Dortmund ausgetragen werden, denn das Interesse an der Leichtathletik ist dort jedes Mal aufs Neue zu spüren. Das ist wichtig für die Sportart, ausverkaufte Zuschauerränge tun nicht zuletzt den Athletinnen und Athleten gut. Auch wenn die Kapazität in der Helmut-Körnig-Halle natürlich begrenzt ist. Der Stimmung tut das keinen Abbruch, das Interesse der breiten Bevölkerung scheint aber weiterhin mäßig zu sein – auch 2026 wird es nur einen Bruchteil von der Hallen-DM im linearen Fernsehen zu sehen geben.
Das ist schade. Denn es stehen sehr wohl einige spannende Entscheidungen auf dem Programm. Dass auch ohne einen Start von Gina Lückenkemper die 60 Meter eine besondere Attraktion darstellen, ist übrigens auch an der ARD nicht vorbeigegangen: Wenn Youngster Philina Schwartz am Samstagabend um ihren ersten nationalen Titel im Aktivenbereich kämpft, wird das live im TV übertragen. Die 18-Jährige ist eine der – bislang – größten deutschen Gewinnerinnen des Winters. Die fünf schnellsten 60-Meter-Zeiten dieses Jahres gehen auf ihr Konto, das macht sie zur Favoritin für Dortmund. Doch es gilt auch, Erfahrungen zu sammeln und mit dem Rampenlicht umgehen zu können. Eine Herausforderung. „Ehrlich gesagt mag ich es eigentlich nicht so gerne, im Mittelpunkt zu stehen“, sagt Schwartz vor wenigen Wochen im Leichtathletik-Interview. Doch bei ihr wird hingeschaut werden – das ist Anerkennung für ihre starken Vorleistungen. Solche konnten große Namen wie Weitsprung-Ass Malaika Mihambo und Kugelstoß-Olympiasiegerin Yemisi Ogunleye bislang nur bedingt zeigen. Vor allem mit Blick auf den Sommer wird es spannend sein, zu beobachten, wie Mihambo und Ogunleye im Moment der ersten Reifeprüfung auftreten.
Im Hochsprung hingegen darf sich auf das nächste Duell zwischen Christina Honsel und Imke Onnen gefreut werden, der Männersprint verspricht aufgrund der Vorleistungen von Owen Ansah, Kevin Kranz, Yannick Wolf und Co. einen echten Fight um den Meistertitel. Für den Hürdensprint der Frauen gilt das ohnehin. Es sind 2026 mal nicht (nur) die Lückenkempers und Mihambos, denen die ganz große Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Alexander Dierke

Lotto Deichmeeting; Neuwied, 17.05.2025

Geschichte(n) des Aufstiegs

Köln, 10. Februar

Liebe Leserinnen und Leser,
der Titel geht einmal mehr an den TSV Bayer 04 Leverkusen. Zum dritten Mal in Folge setzt sich der Verein im Vereinsranking des Deutschen Leichtathletik-Verbands durch – die Rangliste soll quittieren, welcher Klub hierzulande die stärkste Leichtathletik-Abteilung hat. Insgesamt bringt es der Verein aus dem Rheinland auf eine Punktzahl von 406 – und streicht somit für das Jahr 2025 über 100 Punkte mehr ein als der auf Platz zwei rangierende SV Halle. Ausschlaggebend sind die Platzierungen in den DLV-Bestenlisten ab der Altersklasse M14 und W14. Vor allem in den unteren Altersklassen geben die Leverkusener eine gute Figur ab, es ist ein Zeugnis für eine erfolgreiche Nachwuchsarbeit, die durch Triumphe gestandener Athletinnen und Athleten wie Marike Steinacker und Konstanze Klosterhalfen vergoldet wird. Wenngleich im Vorjahr nur drei Namen des TSV für die WM in Tokio berufen wurden. Während mit der LG Stadtwerke München ein weiterer namhafter Verein unter den Top Drei vertreten ist, erzielt Cologne Athletics die beste Platzierung der Germany-Athletics-Klubs – wie auch jenen der „Neueinsteiger“ der Liste. Der Kölner Verein belegt im Ranking Platz 26 und fuhr die meisten seiner Punkte über Athletinnen und Athleten im Aktivenbereich ein.

Unter den Top 50 fehlen tut hingegen der VfB Stuttgart. Doch es lohnt sich dennoch, bei den Schwaben genauer hinzuschauen. Schließlich haben sie nicht nur Zehnkampf-Weltmeister Leo Neugebauer unter Vertrag, sondern seit Jahresbeginn auch den Rising Star im Siebenkampf: Sandrina Sprengel. Die 21-Jährige krönte ihren steilen Aufstieg 2025 vorübergehend mit einem äußerst starken fünften Rang bei ihrer Premieren-WM in Tokio. Schon jetzt ist sie, betrachtet man die vergangenen fünf Jahre, die nach Punkten zweitbeste deutsche Siebenkämpferin hinter Sophie Weißenberg. Das mache sie vor allem stolz – und sei reichlich Motivation für die Zukunft, verrät die junge Siebenkämpferin in einem exklusiven Interview mit Leichtathletik . Wie ihr Alltag abseits der Sports aussieht und warum sie etwa schon von klein auf zwei Träume verfolgt – über das und mehr haben wir mit der sympathischen Mehrkämpferin gesprochen. Was dabei zwischen den Zeilen rüberkam, ist vor allem eines: In Sprengel besitzt die deutsche Leichtathletik eine junge Siebenkämpferin, die gleichermaßen über großes Talent wie große Ziele verfügt. Gute Voraussetzungen für die kommenden Jahre!

Alexander Dierke

World Athletics Indoor Championships; Glasgow, 01.03.2024 HONSEL, Christina (GER) beim Hochsprung-Finale der Frauen an T

Glaube an sich selbst

Köln, 27. Januar

Liebe Leserinnen und Leser,
egal ob Sieg mit persönlicher Hallenbestzeit, Indoor-Weltrekord oder Auftritte, die aufhorchen lassen. Die ersten Tage dieser jungen Hallensaison 2026 haben schon richtig Spaß gemacht. Dafür verantwortlich sind unter anderem Namen wie Jean Paul Bredau, Josh Hoey und Philina Schwartz. Vor allem letztgenannter zuzuschauen macht ordentlich Freude: Die 19-Jährige steigerte sich im Januar über 60 Meter zunächst auf 7,22 und zuletzt auf 7,21 Sekunden – und klopft national bei den Besten an. Sie will noch dieses Jahr das Nationaltrikot tragen, ein Ziel, das ihr Selbstvertrauen untermauert, zugleich aber auch realistisch ist. Schließlich fehlt ihr etwa für die Erfüllung der Hallen-WM-Norm nur noch eine Hundertstel. Gänzlich neu ist ihr Name übrigens nicht: Schon 2025 war Schwartz über 100 Meter siebtschnellste Athletin, startete jedoch hauptsächlich bei Nachwuchs-Meetings. Grund genug, sich mit dieser interessanten Personalie mal genauer zu befassen: Kann sie eine neue Sprinthoffnung für den DLV werden? Dass sie ihre Ausbildung fortan bei einem der Ableger-Klubs des Franchisesystems „Germany Athletics“ erfährt, passt jedenfalls. Schließlich sollen „Berlin Athletics“ und Co. die Konkurrenzfähigkeit deutscher Leichtathletinnen und Leichtathleten wieder erhöhen. Welche weiteren namhaften Athleten die Franchise fortan unter Vertrag hat und welche weiteren Wechsel es gab, lesen Sie in dieser Ausgabe.
Ihrem Verein hingegen treu geblieben ist Hochspringerin Christina Honsel. Die 28-Jährige setzt seit 2020 auf den TV Wattenscheid und arbeitet seit Jahren erfolgreich mit ihrer Trainerin Brigitte Kurschilgen zusammen. Die vorübergehende Krönung erlebte Honsel 2025: Nie zuvor war die gebürtige Dorstenerin auf einem so konstant hohen Niveau unterwegs wie in der Vorsaison. Belohnt wurde das mit ihrem ersten Zwei-Meter-Sprung der Karriere. „Wenn nicht heute, wann dann?“, habe sie sich vor ihrem dritten Versuch in Heilbronn gedacht. Klingt so einfach, doch dem vorausgegangen sind auch Phasen, in denen Honsel aufgrund einer vermeintlichen Stagnation Zweifel plagten. Warum sie allgemein als Athletin gewachsen ist, inwiefern sie mit ihrem Abschneiden bei der WM zufrieden und enttäuscht zugleich ist und weshalb die zwei Meter keine Eintagsfliege bleiben sollen – darüber haben wir in einem interessanten wie sympathischen exklusiven Interview gesprochen.

Alexander Dierke

World Athletics Championships; Tokyo, 14.09.2025

Zwei Vorbilder

Köln, 14. Januar

Liebe Leserinnen und Leser,
das Jahr 2026 beginnt mit einem letzten Blick auf das vorangegangene Jahr 2025. Traditionell präsentieren wir Ihnen Anfang Januar die Ergebnisse unserer gemeinsam mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband sowie dem Förderverein „Freunde der Leichtathletik“ ausgetragenen Wahl der „Leichtathleten des Jahres“. Erneut war das Interesse an der Abstimmung groß, ehe eine Expertenjury aus den Top Drei in sechs Kategorien schließlich die Siegerinnen und Sieger kürte. Und Tradition ist im Falle der Aktiven in gewisser Weise das Stichwort. Denn die Gewinner sind keinesfalls Unbekannte. Weitspringerin Malaika Mihambo und Zehnkämpfer Leo Neugebauer heimsen den Titel zum fünften beziehungsweise dritten Mal ein. Neben berechtigten Glückwünschen lässt sich vor allem eines festhalten: Die abermalige Auszeichnung beider Ausnahmekönner ist höchst verdient!Mihambo bewies 2025 einmal mehr, auf welch konstant hohem Niveau sie seit langer Zeit unterwegs ist – Sieben-Meter-Sprünge und WM-Silber quittieren das in der zurückliegenden Saison. Neugebauer bastelt mit seinem WM-Triumph ebenfalls weiter an seinem sportlichen Vermächtnis – und setzte seinen vor knapp drei Jahren begonnenen Höhenflug eindrucksvoll fort.
Doch beide Protagonisten zeichnet mehr aus als ihre sportliche Dominanz. Für Mihambo ist bereits seit längerem der soziale Aspekt des Sports von Bedeutung, nicht nur zuletzt die Arbeit in ihrem Verein „Malaikas Herzsprung“ liegt ihr besonders am Herzen. Sie wolle ihre Rolle als Sportlerin nutzen, um sich für Kinder und die Leichtathletik einzusetzen. Das betont sie einmal mehr im anlässlich der Auszeichnung mit ihr geführten Interview. Der König der Athleten reiste wiederum nur kurz nach seinem Erfolg in Tokio nach Kamerun, um dort als UNICEF-Botschafter Hilfsprojekte zu besuchen. Doch Mihambo und Neugebauer sind für die nationale Leichtathletik darüber hinaus wertvoll: als Vorbilder mit Strahlkraft. Auch über die Landesgrenzen hinaus. Athleten wie sie sind es, die der Sportart guttun!

Alexander Dierke

Leichtathletik Weltmeisterschaften 2025 in Tokyo

Danke, Ende

Köln, 16. Dezember

Liebe Leserinnen und Leser,
kennen Sie das? Wenn am Ende eines Jahres die Weihnachtsfeiertage bevorstehen und man sich noch einmal ganz besonders Gedanken um seine Liebsten macht? Womit kann man Familie und Freunden eine Freude machen – und vor allem: Welche Worte möchte man diesen noch einmal mitteilen? Ich persönlich bin ein Freund davon, an die wichtigsten Menschen in meinem Umfeld Grußkarten zu verteilen, darin enthalten: Rückblicke, Emotionen, herzliche Wünsche. Und der Rest ist dann doch privat! Beschäftigen wir uns nun lieber einmal damit, ein paar Worte an und über die Liebe zu verlieren, die wir alle teilen: die Leichtathletik. Ganz speziell natürlich die nationale – samt all jenen Athletinnen und Athleten, die diese Sportart zu so etwas Einzigartigem machen. Erst die Persönlichkeiten und Geschichten eines jeden Einzelnen machen die Leichtathletik lebendig. Mit dieser Auffassung sind wir auch unseren Leichtathletik-Jahresrückblick der etwas anderen Art angegangen. Das Ergebnis lesen Sie ab Seite sechs.
Doch jetzt wirklich noch einmal Fokus auf die deutsche Leichtathletik. Rein sportlich. Was würde man über diese in einer Karte verlieren wollen? Zunächst einmal, dass es nach Jahren der Tristesse wieder bergauf geht mit ihr. Das Tief von 2023 scheint überwunden zu sein, der im Vorjahr angedeutete Aufwärtstrend hat sich bislang als ein solcher bestätigt. Das liegt primär an den fünf in Tokio gewonnenen WM-Medaillen. Aber auch an Glanzleistungen über das Jahr hinweg. Angefangen bei Mehrkämpfer Till Steinforth, der im Winter bei Hallen-EM und Hallen-WM zweimal eine Bronzemedaille gewann, über die nationalen Laufrekorde von Frederik Ruppert, Mohamed Abdilaahi, Robert Farken und Co. bis hin zu erzielten persönlichen Bestleistungen von Weltklasseformat. Denken Sie an Julian Weber und Christina Honsel. Doch die Gesamtbilanz bleibt dennoch ambivalent. Denn von den genannten High-Performern konnte bei der WM keiner eine Medaille gewinnen. Vor allem aber sind im Sprint- und Laufbereich weiterhin große strukturelle Schwächen auszumachen. Nur viermal war Deutschland hier in Tokio unter den Top Acht vertreten. Auch im Sprungbereich war die Ausbeute dürftig. Doch lassen Sie uns positiv aufhören: Die deutsche Leichtathletik hat sich stabilisiert. Und: Der Weg zurück in die erweiterte Weltspitze muss langfristig, strukturell und international gedacht werden.
Abschließend bleibt mir nun noch, mich bei Ihnen für die uns 2025 gegenübergebrachte Treue zu bedanken. Im Namen unserer Redaktion wünsche ich Ihnen besinnliche Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch in das Jahr 2026.

Alexander Dierke

JPN, Leichtathletik, Athletics, World Athletics Championships Tokyo 25, Leichtathletik Weltmeisterschaften, 16.09.2025,

Besondere Verbindung

Köln, 2. Dezember

Liebe Leserinnen und Leser,
was war das für ein starkes Jahr von Hammerwerfer Merlin Hummel. Dass er reichlich talentiert ist, hat der 23-Jährige bereits in den Vorjahren angedeutet – nicht zuletzt wurde der Vize-U23-Europameister von 2023 in der Vorsaison Vierter bei den Europameisterschaften in Rom. Wer schon im Alter von 15 Jahren einen vier Kilogramm schweren Hammer auf eine Weite von 70,04 Metern zu befördern weiß, der muss mit großen Fähigkeiten ausgestattet sein. Eine Begabung, die in der zurückliegenden Wettkampfperiode bei den Aktiven erstmals so richtig belohnt wird: 82,77 Meter als neue persönliche Bestleistung – auf seine bisherigen Top-Weite (79,25 m; 2024) hat Hummel über drei Meter draufgepackt. Nicht irgendwo, sondern bei den Weltmeisterschaften in Tokio. Abgeliefert im – ob der Chancen, mit denen er in den Wettkampf ging – größten Finale seiner bisherigen Laufbahn. Das wurde mit der Silbermedaille belohnt. Merlin Hummel ist in die Weltspitze aufgestiegen. „Wenn ich an dieses Jahr denke, bekomme ich sofort Gänsehaut“, sagt der sympathische Athlet im exklusiven Leichtathletik-Interview. Er verkörpert Dankbarkeit für das, was er erlebt hat – und auch für die langjährige Ausbildung durch seinen Jugendtrainer Martin Ständner. Wenige Tage vor unserem Interview kam es zum Bruch zwischen dem Duo, das perfekt zueinander zu passen schien. Harte Vorwürfe wurden öffentlich, doch Hummel möchte nicht auf Konfrontationskurs gehen, merkt nur an, man solle nicht alles glauben, was in den Medien geschrieben wird. Er hat eine klare Vorstellung, was er in Zukunft noch erreichen will – da geistert nicht zuletzt die Zahl 85 in seinem Kopf herum. Und der zukünftig für Eintracht Frankfurt startende Hammerwerfer hat etwa dank einer eigens entwickelten App ein tiefes Verständnis für den Umgang mit seinem engsten Gefährten: dem Hammer. Nach oben hin setzt er sich weitentechnisch keine Grenzen, er weiß, welche Stellschrauben bei ihm noch nicht so ganz zusammenpassen. Es gehe in diesem Winter etwa darum, „den Eingang noch näher an die Perfektion zu bringen“, weil er glaube, „dass dort das größte Potenzial liegt“. Wenn man Merlin Hummel so zuhört, dann merkt man: Da ist ein Athlet, der wirklich für seine Sportart brennt. Das hat man nicht zuletzt in der Saison 2025 auch bei jedem seiner Wettkämpfe beobachten können.

Alexander Dierke

JPN, Leichtathletik, Athletics, World Athletics Championships 2025, Weltmeisterschaft 2025, Tokio 2025, 12.09.2025

Abschied eines Vorbilds

Köln, 18. November

Liebe Leserinnen und Leser,
erinnern Sie sich noch an den letzten Wettkampftag der Heim-Europameisterschaften 2022 in München? Mit einem fulminanten Auftritt läuft die deutsche 4×100-Meter-Staffel der Frauen damals zum Abschluss der Titelkämpfe zu Gold. Teamgeist, Wille, der Glaube an das eigene Können, echte Emotionen – all das sind in diesem Moment ausschlaggebende Gründe für den Erfolg. Die Freude, wenige Sekunden nachdem Rebekka Hasse die Ziellinie überquert, ist ansteckend und verkörpert, wieso das deutsche Frauen-Quartett in den vergangenen Jahren so sehr begeistert. Man nehme etwa Gina Lückenkemper und Lisa Mayer, die sich mit Freudentränen in den Augen in den Arm nehmen und das eigene Glück kaum fassen können. Es sind die Geschichten, die die nationale Leichtathletik braucht;. Im Vorjahr in Paris wird die besondere Ära der 4×100-Meter-Staffel mit Olympia-Bronze endgültig gekrönt. Eine Errungenschaft, die in sportlicher Hinsicht noch größer ist als der Moment von München. Die Mädels um Alexandra Burghardt, Haase, Lückenkemper und Mayer sind Gesichter einer Generation und einer Sportart.
Eine von ihnen hat ihre Karriere vor zwei Monaten im Anschluss an die Weltmeisterschaften in Tokio beendet: Lisa Mayer macht im jungen Alter von nur 29 Jahren Schluss mit der Leichtathletik. Also mit dem Sport, der knapp 20 Jahre lang größter Lebensinhalt für sie war – zwölf Jahre davon als Leistungssportlerin. Und genau diese Tatsache spielt eine Rolle. Denn der Preis, den man mitunter für eine solche Laufbahn bezahlt, ist hoch und zerrt an einem. Aus verschiedenen Gründen. In Falle von Lisa Mayer sind das vor allem zahlreiche Verletzungen und Rückschläge, die sie während ihrer Karriere begleiten. Doch aufgeben ist für sie nie eine Option – weil sie weiß, dass noch großes Potenzial in ihr schlummert. So wird die Bronzemedaille in Paris zu einem ganz besonderen Moment der Krönung. Und der Vollendung. Einer jungen Frau, die sich im Laufe der Jahre auch als Mensch beeindruckend weiterentwickelt hat. Und die in ihrem sportlichen Tun nun gefunden hat, was sie immer gesucht hat. Das zumindest klingt im Interview mit ihr durch. Sympathisch, ehrlich. Die deutsche Leichtathletik verliert mit Lisa Mayer eine außergewöhnliche Athletin. Zumindest als aktive Sportlerin. Denn nach einigen Wochen Auszeit ist die gebürtige Gießenerin bereit für neue Herausforderungen.

Alexander Dierke

Day 9 - World Athletics Championships Tokyo 2025

Deutsche Realität in Tokio

Köln, 23. September

Liebe Leserinnen und Leser,
der abschließende Tag der Weltmeisterschaften in Tokio hatte noch mal reichlich zu bieten. Es regnete teils ergiebig, doch gleichermaßen hagelte es auch noch so manche richtig starke Leistungen. Insbesondere aus deutscher Sicht war das Finale der globalen Titelkämpfe durchaus erfolgreich. Das hat der Deutsche Leichtathletik-Verband vor allem einem Athleten zu verdanken: Leo Neugebauer. Der Zehnkämpfer ließ im wahrsten Sinne des Wortes sein Herz auf der Bahn und krönte seinen persönlichen Erfolgsweg mit der Goldmedaille. Für ihn wie auch die nationale Leichtathletik der nächste Schritt. Man hat wieder einen Weltmeister in seinen Reihen. Es ist das, was vor zwei Jahren in Budapest nicht gelungen war. Und auch die 4×100-Meter-Staffel der Frauen lief noch zu Edelmetall. Bronze. Der insgesamt fünfte Podiumsplatz des DLV-Teams im Land der aufgehenden Sonne. Denn auch Weitspringerin Malaika Mihambo sowie auf sensationelle Art und Weise Marathonläufer Amanal Petros und Hammerwerfer Merlin Hummel haben sich einen Platz unter den Top Drei ihrer Disziplin gesichert. Es ist auf dem Papier ein Aufschwung: Platz zwölf im Medaillenspiegel, gar Platz vier in der Nationenwertung. Und auch weitere Athleten wie etwa Siebenkämpferin Sandrina Sprengel, Zehnkämpfer Niklas Kaul, Mittelstreckler Robert Farken und Hürdensprinter Emil Agyekum haben überzeugt. Doch nicht alles war gut. Vor allem in den Laufdisziplinen bot sich insgesamt eine Enttäuschung. Die stärksten des Jahres um Mohamed Abdilaahi und Frederik Ruppert konnten nicht überzeugen. Auch im Hochsprung der Frauen und insbesondere im Speerwurf der Männer lief es nicht wie erhofft. Wobei im Falle von Julian Weber ihm wohl auch ein eingefangener Infekt die sicher geglaubte Medaille kostete. Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye ist wiederum inzwischen weit entfernt von ihrer Form des Vorjahres. Ohnehin: Ja, diese Titelkämpfe in Japan waren eine Steigerung, lassen einen wieder etwas zuversichtlicher auf die deutsche Leichtathletik blicken. Doch weiß man beispielsweise die Marathon-Medaille von Petros einzuordnen und rechnet noch zwei weitere, grundsätzlich höchstens realistische Podiumsplätze ein, so hat sich in Tokio die deutsche Realität der Leichtathletik abgebildet. Vier bis sechs Podiumsplätze ist das, was für die aktuelle Leichtathletik-Generation bei globalen Wettkämpfen maximal möglich ist. Die Trendumkehr ist gelungen, die Rückkehr unter die Top Fünf der Welt bis 2028 jedoch mehr als ambitioniert!

Alexander Dierke

Leichtathletik-Europameisterschaften; Rom, 08.06.2024 Impression: Start 100m Runde 1 der Frauen mit Jennifer MONTAG (GER

Diskusionswürdrig

Köln, 26. August

Liebe Leserinnen und Leser,
„unsere Philosophie bei World Athletics ist der Schutz und die Wahrung der Integrität des Frauen- sports“ – mit diesen Worten erklärt Sebastian Coe, Präsident des Weltverbands, die Einführung verpflichtender Geschlechtstest für Athletinnen. „Wir sagen: Auf Eliteebene darf man nur dann in der Frauenkategorie antreten, wenn man biologisch weiblich ist.“ Das gilt auch schon für die bevorstehenden Weltmeisterschaften. Denn zum 1. September wird die neue Regel kurzfristig in Kraft treten. Und genau das sorgt unter anderem für große Kritik. Gefordert ist, dass Athletinnen sich einem einmaligen SRY-Gentest unterziehen, der Aufschluss über ihr biologisches Geschlecht liefert. Die Analyse der Proben dauert rund zwei Wochen, zum Zeitpunkt der Bekanntgebung verblieben bis zum Start der Weltmeisterschaften noch rund drei Wochen … „Für ein sehr kleines Problem werden enorme Ressourcen aufgewendet, während die wirklich drängenden Themen – Doping, Missbrauch, Gewalt im Sport – weiter bestehen. Wenn wir von Integrität sprechen, dann müssen wir genau dort mindestens genauso entschlossen handeln“, vermisst Weitspringerin Malaika Mihambo die Verhältnismäßigkeit des Schritts.

Doch das fragwürdige Timing des Schritts ist nur das eine, denn es geht auch um die Frage, ab wann eine Frau eine Frau ist – oder dies eben Tests zufolge nicht ist. „Ich finde das merkwürdig, dass wir als Frau jetzt beweisen müssen, dass wir eine Frau sind“, zeigt sich Diskuswerferin Kristin Pudenz genau darüber irritiert, merkt aber auch an: „Wir werden uns dem beugen müssen.“ Natürlich lässt sich über solche Tests diskutieren, darüber, dass erhöhte Testosteronwerte einen Vorteil bringen können. Doch das Vorschreiben eines Geschlechts ist ein ganz anderes Thema. Nicht zuletzt die südafrikanische Mittelstrecklerin Caster Semenya kämpfte jahrelang (mehr oder weniger erfolglos) dagegen an. Es geht auch um die Tatsache, was es vermeintlich mit Athletinnen, die sich als Frau identifizieren, macht, wenn man ihnen fortan die Teilnahme an Wettkämpfen verbieten würde. Zumal durch die kurze verbleibende Periode bis zum WM-Start quasi keine Möglichkeit besteht, gegen die Beschlüsse vorzugehen. Die Sinnhaftigkeit (zum jetzigen Zeitpunkt) darf durchaus infrage gestellt werden.

Alexander Dierke