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XXII ANOC General Assembly - Previews

Kein alter Hut

Köln, 7. November

Da ist es also, das erste Ausrufezeichen von IAAF-Präsident Sebastian Coe. Immer wieder hatte er in den vergangenen Wochen und Monaten davon gesprochen, die Leichtathletik von Grund auf revolutionieren zu wollen. Nun hat er den ersten Schritt getan: Ab 2018 gibt es – wieder – eine IAAF-Weltrangliste.

Schon zu Beginn der 2000er Jahre hatte es den Versuch gegeben, eine Rangliste, die in ihrer Art der Berechnung dem Tennis ähnelte, zu installieren. Doch so recht interessierte das niemanden, schnell geriet die Weltrangliste in Vergessenheit. Kein Wunder also, dass der Weltverband in seiner aktuellen Meldung nicht an das gescheiterte Experiment von damals erinnert. „Man kann nicht einfach so ein neues Wimbledon schaffen“, hatte Ex- Zehnkämpfer Frank Busemann in unserer letzten Ausgabe gesagt und sich damit gegen eine Neu-Organisation des Zehnkampfes ausgesprochen. Sein Ausspruch passt gut auch zur bislang verkorksten Geschichte der Weltrangliste, doch ob sie auch auf den neuen Ansatz passt, bleibt abzuwarten. Denn es gibt einen großen Unterschied zu damals, was die Liste zu mehr macht als einem alten Hut: Die Platzierung in der Weltrangliste soll nun ausschlaggebend für eine Teilnahme bei den Großereignissen WM und Olympia sein. Ob und wie viel Mitspracherecht nationale Verbände bekommen werden, ist noch nicht bekannt. Sicher ist aber: Präsident Coe zieht sein Ding durch, und es wird spannend sein zu beobachten, was da noch so kommt, meint

Daniel Becker

Dr Clemens Prokop Präsident Deutscher Leichtathletikverband DLV 64 Deutsche Hallenmeisterschaft

Gemeinsame Stimme

Köln, 24. Oktober

„In manchen Sportarten sind Athleten dann doch eher Einzelkämpfer, hier haben wir einfach eine andere Situation als beim klassischen Arbeitnehmer in einer Gewerk­schaft, in der viele Menschen gleich gela­gerte Interessen haben“. Das sagte Clemens Prokop mit Blick auf „Athleten Deutsch­land e.V.“, den Verein, dessen Gründung er insgesamt zwar mit „großer Sympathie“ verfolgt habe, bei dem er aber nicht sicher sei,ob seine „Intentionen“, so Prokop, auch umgesetzt werden können.

Prokop hat recht mit der Annahme, dass die Interessenlagen bei Sportlern sehr unter­ schiedlich sind. Und es stimmt sicher auch, dass sich nicht so viele Athleten sportpoli­tisch interessieren und engagieren, wie es wünschenswert wäre.

Doch es werden immer mehr. Und es spricht einiges dafür, dass gerade die Ins­titution, die sich über den unabhängigen Athletenverein ganz und gar nicht zu freu­en scheint, daran großen Anteil hat: der Deutsche Olympische Sportbund. Denn eins wird immer deutlicher: Die Gründung von „Athleten Deutschland“ muss im Kon­text der vom DOSB mangelhaft durchdach­ten Spitzensportreform gesehen werden. Wegen der intransparenten Informationspolitik sehen sich immer mehr Athleten ge­zwungen, sich mit sportpolitischen Themen auseinanderzusetzen. Auch knapp ein Jahr nach der Verabschiedung der Reform blei­ben viele Fragen offen. Die (Leicht­)Athle­ten sind da schon einen Schritt weiter. Sie sprechen schon mit einer Stimme.

Daniel Becker

Olympics & Paralympics Team Germany - Rio 2016 Medal Party

Großer Schritt

Köln, 17. Oktober

Weit über 600.000 Vereine gibt es in Deutschland – statistisch gesehen ist jeder Deutsche Mitglied in mindestens einem Verein. Am Sonntag ist nun also ein weiterer hinzugekommen. Und der dürfte noch für Aufsehen sorgen. „Athleten Deutschland“ e.V. nennt sich der neu gegründete Club. Wer Mitglied werden will, muss Athletenvertreter eines der etwa 60 deutschen Sportverbände sein.

Die Gründung war ein erster, großer, Schritt in Richtung Selbstverantwortung der Sportler. Hürden gibt es aber noch: Die Finanzierung durch den Bund muss noch endgültig geklärt werden, der DOSB hat Angst, dass ihm Gelder, die direkt an den Verein fließen, am Ende selber fehlen. Überhaupt macht sich beim Dachverband scheinbar das Gefühl breit, so ein wenig die Kontrolle verloren zu haben. „Die Athleten stehen im Mittelpunkt“, betonen DOSBler sonst wann immer möglich. Nun, da die Sportler sich emanzipieren, heißt es: Wozu das Ganze? Dabei haben die Athleten so deutlich wie nur möglich erklärt, dass sie sich – in großer Anzahl – nicht gehört, in vielen Punkten schlecht repräsentiert fühlen.

DOSB-Präsident Alfons Hörmann und der Vorstandsvorsitzende Michael Vesper erklärten, für sie bleibe weiter die DOSB-Athletenkommission der Ansprechpartner. Klingt stark nach Verweigerung, ist in Wahrheit aber ein Zeichen dafür, dass den Sportlern ein echter Coup gelungen ist, meint

Daniel Becker

2017 EPL Premier League Chelsea v Arsenal Sep 17th

Wind aus den Segeln

Köln, 11. Oktober

IAAF-Präsident Sebastian Coe kommt so richtig ins Rollen (lesen Sie dazu das Titelthema auf den Seiten 4 und 5). Aktuell hat man den Eindruck, der Unterschied zwischen ihm und seinem Vorgänger Lamine Diack könne nicht größer sein. Coe bringt eine Leichtathletik-Reform nach der anderen ins Gespräch, während Diack in Sachen Olympiavergabe nach Rio mal wieder unter Beschuss steht (Seite 3).

Leichtathletik-Fans, die ihren Lieblingssport für die Zukunft rüsten wollen, jubeln über die Fülle von Ansätzen, die der IAAF-Präsident zur Diskussion stellt. Traditionalisten hingegen können nicht anders und schlagen verzweifelt die Hände überm Kopf zusammen.

Letzteren sei aber ein Tipp mit auf den Weg gegeben: Sie halten das Heft das Handelns selbst in der Hand! Starten Sie eine Petition, die Coe endlich einen Sitz im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) verschafft. Die Unterstützung vieler nationaler Leichtathletikverbände – auch des DLV – dürfte Ihnen dabei sicher sein.

Sollten Sie damit Erfolg haben, gehören die meisten Reformideen wahrscheinlich schnell der Vergangenheit an. Denn beim IOC weiß man, wie man auch dem agilsten Verbandspräsidenten den Wind aus den Segeln nimmt, meint

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Mehr davon, bitte!

Genau so ein Ereignis, mit einem solch

spannenden Rennverlauf hat der Leichtathletikwelt

gegen Abschluss der Freiluftsaison

gutgetan. Der Marathon in

Berlin war pure Werbung für den Sport,

insbesondere natürlich für den Marathonlauf.

Die Athleten hatten aufgrund der extremen

Bedingungen hart zu kämpfen. Und

das taten sie auch. Die Berliner und zahlreiche

Touristen unterstützten die

Sportler trotz Dauerniesel . Dies spricht

für eine enorm hohe Akzeptanz innerhalb

der Stadt. Die Menschen zu Hause

an den Fernsehbildschirmen konnten

das Drama live verfolgen. Sie nahmen

teil am Kampf um den Weltrekord, dem

Abtasten Adolas und Kipchoges und

dem Leiden des Philipp Pflieger. Und sie

erlebten sämtliche Facetten des Marathonlaufes,

das, was diesen Sport so faszinierend

macht.

Dass gleich zwei TV Sender an diesem

Tag zumindest die Favoriten live ins

Ziel begleiteten, ist in Zeiten, in denen

die Leichtathletik fernsehmäßig ins Nirvana

driftet, sicherlich ein Lichtblick.

Ein solches Rennen bewirkt zudem eine

höhere Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung

der ausführenden Städte. Denn

diese ist nötig, um einen Tag nahezu

Komplettstilllegung der wichtigsten

Verkehrspunkte mit Applaus zu begleiten,

meint

Ralf Kerkeling

117 Deutsche Leichtathletik Meisterschaften Erfurt 09 07 2017 Lara Hoffmann LT DSHS Koeln 117

Großes Monster

Köln, 12. September 2017

Die Spitzensportreform sei „das große, schwarze Monster gewesen, das auf uns alle zukommt“. Das hat 400-Meter- Läuferin Lara Hoffmann uns im Interview erklärt, das Sie in unserer aktuellen Ausgabe auf den Seiten sechs bis acht lesen.

Hoffmann gewährt in dem Gespräch tiefe Einblicke in die Welt einer Sportlerin, die stellvertretend steht für die Athleten, die man gemeinhin in die „zweite Reihe“ einsortieren würde. Athleten, die national um den Titel kämpfen, Staffeln bereichern und ab und an auch das Nationaltrikot überstreifen – ohne allerdings Chancen zu besitzen, jetzt oder in Zukunft internationale Medaillen zu gewinnen. Sie gehört zu einer Reihe von Sportlern, die von den Änderungen, die die Reform mit sich bringt, direkt und in massivem Umfang betroffen sein können. Noch weiß Hoffmann, wissen auch viele andere nicht, wie es um ihre sportliche Zukunft bestellt ist.

Nicht allen deutschen Leichtathleten geht es jedoch so wie Hoffmann. Es gibt auch jene, die sich um die finanzielle Versorgung während ihrer aktiven Karrieren keine Gedanken machen müssen – bei denen die Förderung jetzt funktioniert und aller Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft funktionieren wird. Kein Bild ist komplett, wenn man nur eine Seite beleuchtet. Und das wollen auch wir in den kommenden Wochen und Monaten nicht tun, wenn wir uns intensiver mit dem Thema „Sportförderung in der Leichtathletik“ auseinandersetzen. Sicher ist aber schon jetzt: Es gibt noch viel zu tun, meint

Daniel Becker

13th IAAF World Athletics Championships Daegu 2011 - Day Nine

Zeitpunkt verpasst

Köln, 6. September 2017

Bumm – letzte Woche Dienstag kam mal wieder der Mann mit dem Hammer um die Ecke: 30 Prozent der WM-Starter in Daegu haben in einer anonymen Umfrage zugegeben, Dopingmittel eingenommen zu haben. Gleichzeitig wissen wir: Nur 0,5 Prozent der Tests bei der WM in Daegu waren positiv. Differenzen, die einen umhauen.

Mindestens ebenso schockierend ist der Umstand, dass die WADA und der Leichtathletik-Weltverband IAAF jahrelang die Zustimmung für eine Veröffentlichung der Studie verweigerten. Bis 2015 war Lamine Diack Präsident des Verbandes. Dass er nichts davon wissen wollte, kann mittlerweile niemanden mehr wundern.

Doch seitdem sind erneut zwei Jahre vergangen, und man fragt sich, warum die Studie erst jetzt veröffentlicht wurde. Als IAAF-Präsident Sebastian Coe im englischen Unterhaus im Dezember 2015 zur Studie befragt wurde, erklärte er lapidar, man behalte sich vor, sie zu prüfen.

Nun sind die Zahlen bekannt, Coe selbst hat sich nicht dazu geäußert. Den passenden Zeitpunkt dafür hat er ohnehin längst verpasst – nicht letzte Woche Dienstag, sondern bereits im Dezember vor zwei Jahren.

Die Studie der Uni Tübingen und der Harvard Medical School hat leider auch wieder gezeigt, dass eine ernsthafte Anti-Doping-Debatte noch immer nur außerhalb der Verbände geführt werden kann, meint

Daniel Becker

Keine Zwischenstation

Keine Zwischenstation

Köln, 1. August 2017

Die Weltmeisterschaften stehen vor der Tür – und damit das internationale Leichtathletik-Highlight des Jahres. Das Schöne: Die deutsche Mannschaft scheint dafür gut gerüstet zu sein.

„Wir wollen hungrig auf die WM werden“, hat der Leitende Direktor Sport des DLV, Idriss Gonschinska, am Rande des Vorbereitungs-Trainingslagers in Kienbaum erklärt, merkte aber auch an, dass man sich „in einem Jahr der Neuorientierung mit vielen jungen Athleten“ befinde.

Klar, die Erwartungshaltung soll nicht zu hoch sein, der DLV hat nach den Olympischen Spielen 2016 in Rio direkt das Fernziel Tokio 2020 ausgegeben und als wichtigste Zwischenstation auf dem Weg dorthin die im nächsten Jahr stattfindenden Heim-Europameisterschaften in Berlin bezeichnet. Sind die Weltmeisterschaften 2017 und 2019 also nur ein groß aufgezogener Lückenfüller?

Natürlich sind sie sehr viel mehr als das. Sie sind das Ereignis in diesem Jahr, bei dem die Leichtathletik weltweit im Fokus steht. Auch in Deutschland besteht die Chance, neue Menschen für die olympische Kernsportart zu begeistern – die öffentlich-rechtlichen Sender und „Eurosport“ übertragen täglich. Zwischenstationen darf es nicht geben – erst recht nicht in dem Jahr, in dem Usain Bolt abtritt.

Den Platz von Bolt, dem Aushängeschild schlechthin, wird so schnell kein Athlet alleine ausfüllen können. Es ist Raum da für viele Athleten. Auch für die deutschen Stars (der Zukunft), die ihren Hut in London in den Ring werfen können, meint

Daniel Becker

Fast nur Lob

Fast nur Lob

Köln, 11. Juli 2017

Verbände und Organisatoren tun es nahezu immer und auch Journalisten leben nicht nur davon, Kritik zu üben, sondern schreiben, wenn sie es so empfunden haben, gerne darüber, dass sie beim letzten Großereignis ordentliche Werbung für den Sport gesehen haben. Ein neuer Anlass dafür: die 117. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften.

Ein gut getimter Zeitplan, eine funktionierende Abstimmung zwischen Siegerehrungen und Wettkämpfen, wachsame Stadionkommentatoren- und moderatoren, kurzweilige Siegerinterviews – im Steigerwaldstadion war an den DM-Tagen immer was los. Und trotzdem hatte man nicht das Gefühl, etwas zu verpassen, da die Aufmerksamkeit immer wieder geschickt auf den nächsten wichtigen Ver- such oder auf die entscheidende Phase des gerade stattfindenden Laufes gelenkt wurde. Ein bisschen Glück gehört zu einem gelungenen Ablauf dazu, aber das ist ja bekanntlich mit den Tüchtigen.

Ein bisschen Kritik muss am Ende dann doch noch sein, Luft nach oben gibt es ja immer. Alle, die am Sonntag noch eine weite Heimreise vor sich hatten, konnten erst spät in ihre Betten, da sich die Wettkämpfe ziemlich weit in den Abend hineinzogen. Aber das war halb so wild, denn auch für lange Autofahrten gaben die Deutschen Meisterschaften ausreichend Gesprächsstoff her. Meistens positiven – und an der einen oder anderen Stelle vielleicht auch ein wenig Kritik, meint